Banville, John: The Newton Letter
Barth, John: Der Tabakhändler
Bernhard, Thomas: Auslöschung
Bitow, Andrej: Das Puschkinhaus
Calvino, Italo: Der Ritter, den es nicht gab
Coover, Robert: Ghost Town
Gaddis, William: J R
Gaddis, William: The Recognitions
Gavelis, Ričardas: Vilnius Poker
Gombrowicz, Witold: Ferdydurke
Gospodinov, Georgi: Physik der Schwermut
Gracq, Julien: Das Ufer der Syrten
Hedayat, Sadeq: Die blinde Eule
Herzmanovsky-Orlando, Fritz von: Maskenspiel der Genien
Jelinek, Elfriede: Die Klavierspielerin
Jerofejew, Wenedikt: Die Reise nach Petuschki
Karunatilaka, Shehan: The Seven Moons of Maali Almeida
McCarthy, Cormac: Die Abendröte im Westen
Mishima Yukio: Der Tempelbrand
O'Brien, Flann: The Third Policeman
Onetti, Juan Carlos: Das kurze Leben
Pamuk, Orhan: Rot ist meine Name
Pavić, Milorad: Das Chasarische Wörterbuch
Pelewin, Viktor: Buddhas kleiner Finger
Pessoa, Fernando: Das Buch der Unruhe
Piglia, Ricardo: Künstliche Atmung
Roth, Philip: Sabbaths Theater
Sábato, Ernesto: Über Helden und Gräber
Teresa von Ávila: Die innere Burg
Tokarczuk, Olga: Ur und andere Zeiten

John Banville: The Newton Letter
Prosa, Poesie oder schon Musik?
Von
Darius Amberger
, 18. Mai 2026
Wer The Revolutions Trilogy liest, dürfte nach der Lektüre von Doctor Copernicus und Kepler einen weiteren historischen Roman erwarten, doch schon mit dem ersten Satz des deutlich schmaleren dritten Teils, The Newton Letter, wird ein Wechsel eingeleitet. Eine Frau namens Clio wird hier angeredet und mit ihr wohl auch die Göttin der Geschichtsschreibung selbst; auf derselben Seite spricht der Erzähler, ein Historiker, sie außerdem mit Cliona an, in irischen Mythen unter anderem als Göttin der Liebe und Schönheit bekannt, "you have been my teacher and my friend, my inspiration, for too long". Ein paar Seiten später erwähnt er Newtons Brief an Locke, worin der Mathematiker diesem vorwarf "to embroil him with women", sowie einen zweiten, vor Banvilles Werk nirgendwo erwähnten Brief. Auf den ersten bezieht sich offenbar der Titel und zugleich auf den Roman, der ebenfalls als Brief gelesen werden kann.
Der Historiker verfasst diesen Brief rückblickend auf dem Universitätsgelände und zieht eine Parallele zwischen der Krise Newtons im Jahr 1693 zu seiner eigenen Situation. Sieben Jahre hat er wissenschaftlich über ihn geschrieben. Das Manuskript ist nahezu vollendet, als er damit Quartier im Süden Irlands in einem Nebengebäude von Fern House nimmt, wo er es kurz darauf in Frage stellt. Diese Art Anwesen, ein irisches Big House, ist ein von Banville bevorzugter Handlungsort. Bereits Birchwood war ein solches und fünf weitere sollten in seinen späteren Romanen folgen. Als Eigentümer wird die Familie Lawless genannt: das Ehepaar Charlotte und Edward, Charlottes Nichte Ottilie und ein Junge. Die drei Vornamen wecken Assoziationen zu Goethes Wahlverwandtschaften und somit Erwartungen, die im Verlauf der Handlung zum Teil bestätigt werden. Die Rolle des dortigen Militärs nimmt in The Newton Letter der namenlose Erzähler ein und Ort des Geschehens ist in beiden Werken ein Landgut in der warmen Jahreszeit.
Zu Beginn beschreibt er Fern House als "a big gloomy pile with ivy and peeling walls and a smashed fanlight over the door, the kind of place where you picture a mad stepdaughter locked up in the attic", wie Reste von Romantik. In diesem Ambiente tauchen Personen auf, die unter Beobachtung agieren, ein "changing tableau" wurde dies im Copernicus-Roman genannt. "Observing them, I understood that breeding such as theirs is a preparation not for squiredom itself, but for that distant day, which for the Lawless had arrived, when the trappings of glory are gone and only style remains. All nonsense, of course, but to me, product of a post-peasant Catholic upbringing, they appeared perfect creatures. [...] My illusions about them soon began, of not so crumble, then to modify."
Der Ton ist und bleibt das Werk hindurch distanziert, leicht spöttisch, stets rhythmisch das Gesagte modulierend, präzise, nicht selten virtuos. Liegt es an diesem Umfeld, dass für ihn die Seiten seines Manuskripts alsbald einen unvertrauten Anblick bieten, geschrieben von einer anderen Version seiner selbst? Wir erleben immer wieder, wie sich der Erzähler in Personen täuscht, schon bei seiner Ankunft. Er spekuliert und reimt sich Verhältnisse zurecht, wo er nichts weiß. Die Bewohner von Fern House geben bis zum Ende wenig von sich preis, insbesondere Charlotte, grazil und entrückt in der Erscheinung, an von Präraffaeliten gemalte und vom jungen Yeats bevorzugte Frauengestalten erinnernd.
Selbst beim körperlich präsenteren Edward wird eher etwas aus alter Zeit gesehen: "For all his rough bulk, there was in his eyes a look, preoccupied, faintly pained, like the look you see in those pearl and ink photographs of doomed Georgian poets." Pearl paper verdankt seinen Namen einem perlmuttartigen Schimmer, den an der Oberfläche gebrochenes Licht erzeugt, und dessen Folge eine hohe Farbtiefe ist. Beschrieben wird nicht nur das Motiv des Bildes, sondern wie es vermittelt wird und wirkt. Banville greift in seinen Werken hin und wieder zu Vergleichen mit Fotos und klassischen Gemälden, doch noch öfter gibt er auf direktem Weg eine Landschaft, Gegenstände oder Menschen wieder, als wären sie als Impression gemalt, "splendid, sunny and still, and tinged with sadness", aber vor allem mehreres in einem Bild verdichtend, wie dort, wo es über einen Newton-Biografen namens Popov heißt: "I met him once, an awful little man with ferret eyes and a greasy suit. Reminded me of an embalmer. Which, come to think of it, is apt." Zudem ist dieser Biograf fiktiv, was uns vor dem Erzähler warnt.
In den ersten beiden Teilen der Revolutions Trilogy taucht mit "save the phenomena" eine Maxime aus der mathematischen Astronomie des Altertums auf. Bis ins Mittelalter hinein sollten sich mathematische Modelle darauf beschränken, beobachtbare Erscheinungen korrekt wiederzugeben. Wenn neue Beobachtungen Zweifel aufkommen ließen, wurden die Modelle repariert. Wie die Welt jenseits davon war, galt als Sache der Naturphilosophie. Auch Newton glaubte, dass das Mathematische nicht in die Tiefe wahren Wissens reiche, daher seine Suche nach prisca sapientia mittels Alchemie.
Im dritten Teil der Trilogie wird Schein und Sein zum wesentlichen Thema. Das Trügerische von Erscheinung und eigener Vermutung wird dem Historiker nach und nach bewusst. Fortan glaubt er ebenso wenig an Text als Form von Wahrheit wie Newton an den Vorrang der Mathematik. Passend dazu gibt es viele Szenen wie in einem hellen Nebel, flüchtig, in impressionistischer Manier, von Sehnsucht überlagert. Ein Beispiel ist die Schilderung des Eindrucks, den Charlottes Klavierspiel auf ihn macht, ergänzt um eine Fülle ähnlich aufgeladener Details am Rande des Tableaus.
Sein Blick ist intensiv, wenngleich nicht immer aufmerksam. An einer Stelle sagt Ottilie: "You've never seen my room", worauf sie das Haus betreten, "there was a black hair on the pillow, like a tiny crack in enamel", bemerkt er beim Entkleiden, ohne an die einzige Person zu denken, die für dieses Haar infrage kam. Später, nachdem sie zueinanderfanden, teilt ihm Ottilie mit: "This is not my room. [...] You should seen your face, you're all red. [...] I thought you might like to … here … that's all."
Intertextualität, ein unzuverlässiger Erzähler, ironische Distanz, keine verbindliche Weltsicht, spielerischer Umgang mit Fiktion und Wahrheit, eine in ihrer Entwicklung scheiternde Hauptfigur, Reflexion über das eigene Schreiben – dies alles jedoch so dezent, dass das Postmoderne der Ästhetik fast nicht in den Sinn kommt. Schon Birchwood war ein kleines Meisterwerk, aber erst The Newton Letter hat diese klare und zugleich erstaunlich dichte Sprache, diese unverwechselbare Tonart, die danach auch The Book of Evidence, Ghosts, Shroud, The Sea und weitere Romane prägte. Ist dies Prosa, Poesie oder schon Musik?
Juan Carlos Onetti: Das kurze Leben
Imagination als Bewältigungsstrategie
Von
Darius Amberger , 18. Juli 2025
Juan Mariá Brausen lernen wir kennen, wie er den Gesprächen in einem benachbarten Hotelzimmer lauscht, während er mit seiner Frau Gertrudis zusammen ist, die mastektomiebedingt Morphiumspritzen erhält, und er zudem an einem Drehbuch grübelt, eines mit einem Arzt und ebenfalls mit Morphium. Bald wechseln die Kapitel zwischen dem, was Brausen in Buenos Aires erlebt und als Ich-Erzähler wiedergibt, und einer von ihm erdachten und auktorial erzählten Geschichte um den Arzt Díaz Grey in einer Stadt namens Santa María. Für erfolgsversprechend scheint der Autor das Drehbuch nicht zu halten, selbst die Figuren "wussten allmählich, dass sie sich vergeblich anstrengten", und doch wird Brausen, ein phlegmatischer Werbetexter mit teils wenig sympathischen Zügen, immer stärker zur Welt seiner Figuren hingezogen.
Der einst wegen seiner Güte und menschlichen Intelligenz geschätzte Erzähler verspürt aber auch eine Neigung zu Queca, einer Prostituierten, die im besagten Nebenzimmer wohnt, inklusive ihrer "Feigheit und Niedertracht". Darin zeigt er Parallelen zu seiner Hauptfigur Díaz Grey, für den Elena Sala eine ähnliche Rolle spielt. Brausen schreibt von einer stillschweigenden Annahme, die diese beiden dem Niedrigen und Schmutzigen gewährten, trotz ehrbarem Hintergrund. Dem gegenüber stehen Julio Stein und MacLeod von der Werbeagentur sowie der frühere Brausen und Gertrudis mit ihrer Bürgerlichkeit. Der neue Brausen wünscht dieser zu entfliehen, sei es aus Verdruss am realen Leben oder Überforderung, und verhält sich zunehmend wie eine von ihm erfundene Figur.
Von Onetti ist bekannt, dass er unter anderen mit zwei Schwester verheiratet war und beim Verfassen des Romans bereits eine Affäre mit der Geigerin Dorothea Muhr hatte, die später seine vierte Ehefrau wurde. Auch Brausen erwähnt eine Beziehung mit der Schwester seiner Frau, und über eine Geigerin, der Díaz Grey begegnet, heißt es: "Dieser Art Frau muss man irgend etwas geben, nur nicht Frieden. Das Aufregende, exciting, ist ihr Motto. Sie wurden geboren, um zu leben, ich achte sie, sie sind so selten." Als weitere Verflechtung kann verstanden werden, dass Brausen ein Büro von einer Person mietet, die den Namen des Romanautors trägt. 1950, bei Erscheinen des Werkes, war derlei ungewöhnlich, wenngleich bereits Miguel de Unamuno in Nebel in persona über die Fähigkeiten eines Autors aufklärte.
Bei Queca, der Brausen bald näherkommt, nennt dieser sich Arce, als Name für ein anderes, ein neues Leben. Queca hört, wenn sie allein ist, Stimmen und sieht ihr Zimmer voller Fremder. Brausen hingegen sammelt Glassplitter, Federn und Schrauben von der Straße auf – Zeichen dafür, wie sehr er wertlose Dinge schätzt. Ein Psychologe könnte bei Queca auf eine Psychose schließen und auf mögliche Symptome einer Schizophrenie. Über Brausen würde er vermutlich sagen: Da hat er was gefunden, worüber er Kontrolle hat, eine Art Ersatzrealität. Die Flucht aus unerwünschter Realität in eine fiktive Welt ließe sich als eine Folge von Depressionen und Angststörungen deuten.
Auf welchen Ebenen wird uns etwas erzählt? Vom bürgerlichen Brausen über das Leben, das er führt, vom schöpferischen Brausen über eine Welt, in deren Zentrum Santa María und Díaz Grey stehen, und vom gewandelten Brausen, der sich Arce nennt, über das, was er mit Queca und Ernesto erlebt, oder erzählt Onetti überdies partiell aus seinem Leben?
Brausens Sprache wirkt nüchtern, selbst wenn er eine Form der Leidenschaft beschreibt und auch in seinen inneren Monologen; zugleich ist seine Ausdrucksweise häufig eloquent, ähnlich der seines Agenturkollegen Stein, seines Vorgesetzten, der sich gefesselt sieht an seine Kunden "wie ein alter Gaul an seinen Karren". Der Erzähler neigt zu Abgründigem, Düsterem und zu Übertreibungen, besonders was Fähigkeiten und die eigene Wortwahl betrifft. Gern vergleicht er Abstraktes mit Konkretem, so beschreibt er Quecas Stimme als "von Vulgarität und Zynismus wie von einem Skelett gestützt". Auch zwingt er sie sich zu betrinken und ihn zu beschimpfen und schlägt sie "überraschend nach jedem freundlichen Wort".
Seine Haltung ist eher introspektiv als anderen zugewandt, was sich im Verlauf ein wenig ändert. "Man muss die Dinge durchdenken", erklärt er gegen Ende einem Mörder. "Nicht vorher, versteht sich; sonst geschieht nichts. Aber hinterher." Dies ist, bevor er mit diesem nach Santa María reist, in eben jene Stadt, die er für sein Drehbuch und dessen Personal erfunden hat. Doch wie fiktiv und fern ist dieser Ort wirklich? Santa María war im 16. Jahrhundert Teil des ersten Namens von Buenos Aires: Puerto de Nuestra Señora Santa María del Buen Ayre – Hafen unserer lieben Frau, der Heiligen Maria der guten Luft. Im letzten Kapitel, einem mit Karneval und dazu passender Verkleidung, wird allerdings Díaz Grey zum Ich-Erzähler, womit er seinen Autor Juan Mariá Brausen ablöst beziehungsweise dieser dessen Identität übernimmt. Dem entsprechend verändert sich der Stil von einem eloquent-intellektuellen bei Brausen zu einem schlichteren bei Díaz Grey.
Laut einer daoistischen Legende aus dem 8. Jahrhundert malte Wu Daozi an eine Wand eine Landschaft, in der er anschließend vor den Augen seines Kaisers verschwand. Tausend Jahre später schrieb Coleridge über einen Traum von einer im Himmel gepflückten Blume, die der Träumende nach dem Erwachen in der Hand hielt, was von Borges mehrfach zitiert, variiert und durch eigene Geschichten ergänzt wurde. Bei Brausen fühlt man sich daran ebenso erinnert wie, wegen der Milieus am Rande der Gesellschaft, an Célines Reise ans Ende der Nacht und Werke Roberto Arlts. Zum Einfluss Borges' hat sich Onetti allerdings nie bekannt, anders als zu den beiden Letztgenannten und dem Faulkners. Das kurze Leben wiederum gilt wegen seiner Sprache und des Bruchs mit traditionellen Erzählformen als einer der einflussreichsten Romane Lateinamerikas. Sábato, Cortázar, Vargas Llosa, Muñoz Molina, Bolaño … Die Liste könnte lang werden.
La vida breve wurde von Curt Meyer-Clason ins Deutsche übersetzt und ist der Auftakt einer Reihe von Santa-María-Erzählungen und -Romanen wie Das Album , Die so sehr gefürchtete Hölle , Die Werft und Leichensammler.
Osamu Dazai: No Longer Human
What's the antonym of crime?
Von
Darius Amberger , 23. Februar 2023
Über Dazais Leben wurde ähnlich viel geschrieben wie über sein literarisches Werk, weshalb der semi-autobiographische Unterbau von No Longer Human schwer zu übersehen ist. Der Roman besteht im Hauptteil aus drei "Notebooks", in denen Yozo Oba über sein Werdegang bis zum siebenundzwanzigsten Lebensjahr erzählt. Bemerkenswert ist bereits, wie der Abstand zwischen Osamu Dazai und Yozo Oba durch Prolog und Epilog eines Herausgebers vergrößert wird, zumal dieser eine deutliche Abneigung gegenüber dem Gelesenen und die ihm ebenfalls übergebenen fotografischen Abbildungen des Erzählers zeigt. Dieser Herausgeber ist mit seinem Unbehagen nicht allein: Auch Yozo sieht sich nicht als "human being".
Daran gezweifelt, ein menschliches Wesen in dem von anderen verstandenen Sinn zu sein, hat Yozo schon als Kind. Er "always shook with fright before human being" und schreibt überdies: "the more I feared the more I was liked, and the more I was liked the more I feared them". Zu den naheliegenden intertextuellen Bezügen beim Thema Menschsein gehören die zu Dostojewski, insbesondere zu dessen Aufzeichnungen aus dem Kellerloch und zu Schuld und Sühne . Das letztgenannte Werk wird im zweiten Teil des dritten Notizbuchs explizit erwähnt. Ins Japanische wurde der russische Originaltitel Преступление и наказание in 罪と罰 übersetzt, Verbrechen (aber auch Sünde) und Strafe. Dort treibt auch Raskolnikow die Frage nach dem Menschsein um, nur spricht dieser den anderen das Menschsein ab. Beide sehen sich gezwungen zu einer Pfandleihe zu gehen, doch während Raskolnikow zu mörderischen Taten schreitet, neigt Yuzo nicht dazu, sich aufzulehnen. Er vermag noch nicht mal Nein zu sagen, ebenso wie seine Frauen, deren Kleider er verpfändet. In beiden Fällen sehen die Hauptfiguren den größten Teil der Schuld bei sich, und zu den Opfern zählt jeweils die unschuldigste aller Personen.
Als kleiner Junge beobachtet Yozo, wie das Leben der anderen voller Heuchelei ist, nicht zuletzt bei jenen, die sich für "human beings" halten. Er selbst nutzt alsbald Clownerien, um die eigene Unsicherheit und das Gefühl der Fremdheit zu verbergen, stets im Wissen, dass er zumeist gemocht, aber nicht respektiert wird. Später nutzt er zur Überwindung seiner Ängste Alkohol und Morphium, in zunehmenden Exzessen, was auf Kosten von Studium und Arbeit geht. Auf eine japanische Redewendung anspielend, erwähnt er eine "wound of a guilty conscience [...] the wound was gradually become dearer to me than my own flesh and blood, and I have thought its pain to be the emotion of the wound as it lived or even its murmur of affection."
Die Bekenntnisse sind sachlich und zugleich stilistisch reizvoll formuliert. Nichts wirkt wie rasch dahingeschrieben. Kein Satz ist ohne Gewicht. Vergleiche und Übertreibungen sind wohlgewählt. Mitunter sind stehen Worte konträr zu dem, was normalerweise zu erwarten wäre: "Is trustfulness a sin, I wonder?" Dies betrifft auch Konsequenzen: "My uneasiness over having become an addict actually made me seek more of the drug." Allein das Antonym zu Verbrechen beziehungsweise Sünde (im Original 罪, wobei der eine oder andere Leser erneut an Dostojewskis 罪と罰 erinnert wird) suchte Yozo vergeblich.
Dem japanischen Titel 人間失格 , als Mensch disqualifiziert, kommt der englische mit No Longer Human wesentlich näher als der deutsche mit Gezeichnet . Neben der Übersetzung von Donald Keene ist aber auch die von Jürgen Stalph empfehlenswert (sofern sie erhältlich ist), anders als die von Friedrich Orff, von welcher dringend abzuraten ist.
Ausgestattet mit einem Köfferchen voll Alkoholika und von Engelsstimmen begleitet begibt er sich auf den besagten Weg, lechzend nach dem nächsten Schluck und gerade so viel atmend, "dass sich beim Gehen die Beine in den Knien nicht verheddern". Die Etappen seiner Tour sind mit Ortsangaben überschrieben, wozu auch Bahnstationen zählen, und die Handlung ist auf einen Tag begrenzt – genug Zeit für ein Menschenleben und das Porträt einer Gesellschaft.
Das erste Drittel der Lektüre ist geprägt von Alltagsbeschreibungen sowie von Beschaffung und Konsum hochgeistiger Getränke. Was sich heute wie krasse Satire liest, bleibt häufig nah an der sowjetischen Wirklichkeit, der Wenitschka sich durchaus anzupassen sucht, wenngleich sein Ton nicht ohne Sarkasmus ist. "Was ist das Wunderbarste auf der Welt? Der Kampf um die Befreiung der Menschheit", wärmt er eine ausgehöhlte Phrase auf, um im Anschluss die teils toxischen Zutaten eines "noch wunderbareren" Cocktails aufzulisten.
Wenitschka ist ein geselliger Mann. Seine Spirituosen ziehen Mitreisende an, mit denen er gern teilt und über Bunin, Gogol, Pissarjew, Tschechow, Mussorgskij und andere spricht, schließlich ist man ja gebildet. Sein erweitertes und von ihm wiederholt direkt angesprochenes Publikum sieht der Erzähler jedoch auf dem Planeten verstreut, und den zahlreichen intertextuellen Bezügen nach zu urteilen, geht er auch hier von Belesenheit aus, sei es in der Bibel oder in russischer und deutscher Literatur. Kenntnisse über die Gründerväter des Sozialismus und seinerzeit allgegenwärtige Phrasen sind ebenfalls von Vorteil und Wenitschka setzt diese explizit voraus wie dort, wo er den vier Gestalten begegnet.
Doch selbst bei Erkennen derartiger Bezüge verläuft die Reise zunehmend verwirrend. Der ersehnte Schluck im Rausch, "um wieder klar im Kopf zu werden", bleibt ihm verwehrt. Mehrmals halluziniert er im Delirium, unter anderem von einer Revolution, die dabei satirische Züge erhält: "Alles hatte damit begonnen, dass Tichonow an das Tor des Landwirtschaftssowjets von Jelissejkowo seine vierzehn Thesen angeschlagen hatte. Genauer, er hatte sie nicht ans Tor geschlagen, sondern mit Kreide an den Zaun geschrieben. Eigentlich waren das auch keine Thesen, sondern Wörter, eindeutige und lapidare Wörter, und es waren auch keine vierzehn, sondern zwei. Aber wie dem auch sei, damit hatte alles begonnen."
Bezeichnend ist zudem, dass die Namen und Kilometerangaben in den Kapitelüberschriften selbst dann auf das Ziel Petuschki weisen, als die Hauptfigur schon auf dem Rückweg ist. Die Reise nach Petuschki ist eine, die lange zwischen Komik und Tragik oszilliert, und je näher Wenitschka seinem Ziel zu kommen glaubt, desto absurder wird das von ihm Erlebte. Seine Geschichte gewinnt an Tiefe, während die Logik immer widersprüchlicher und die Übertreibungen gewagter erscheinen. Der Blick des Lesers folgt der Wahrnehmung Wenitschkas, die sich mehr und mehr von einem realen Umfeld entfernt, dem er in der letzten Szene – in einer Örtlichkeit, die der des Ausgangspunktes gleicht – dennoch nicht entrinnen kann. Und wie kaum anders zu erwarten: Auch dieses Ende spielt auf zwei andere Werke der Weltliteratur an.
Zur Übersetzung ist anzumerken, dass neben der von Natascha Spitz eine weniger sprachgewandte und vorgeblich wissenschaftlichere von Peter Urban existiert.
Der zeitliche Rahmen orientiert sich an der Lebenszeit der Müllerstochter Misia. Die Geschichte beginnt im Sommer 1914 ein halbes Jahr vor ihrer Geburt mit der Rekrutierung ihres Vaters und endet ein oder mehrere Jahre nach ihrem dem Jahr 1980 zuordenbaren Tod, als Misias älteste Tochter Adelka die Heimat nach einem Besuch mit der alten Kaffeemühle der Mutter verlässt. Das Personal besteht aus dieser und zwei weiterer Familien, aus darum gruppierten anderen Bewohnern Urs sowie aus Soldaten, Funktionären und Beamten von außerhalb. Auch der Ort der Handlung ist überschaubar: Eine Welt en miniature, die Parallelen findet in einem Ignis fatuus genannten Spiel in Gestalt eines kreisförmigen Labyrinths, durch dessen acht Welten sich Gott dem Freiherrn Popielski offenbart, deren innerste und erste mit Ur bezeichnet wird. Die anderen sieben jener Welten hat Gott weit weniger im Griff und diese zunehmende Schwäche lässt sich durchaus auf Ur, die jenseits der Ortsgrenze gelegene Fremde und die Geschichte übertragen. Obwohl selten von Gott bestimmt, ist das Leben in Ur ein weitgehend determiniertes, eben so, wie es in der im Roman zitierten Spielanleitung zum Spiel Popielskis heißt: "Die getroffene Wahl ergibt sich immer von selbst, doch hat der Spieler zuweilen den Eindruck, dass er sie bewusst getroffen hat."
Die Erzählinstanz ist umfassend informiert, sie weiß, wann der jeweilige Schutzengel erscheint, und sie berichtet über Gottes wirken, aber auf der Ebene der einzelnen Kapitel ist die Erzählsituation eine personale. Die jeweiligen Wesen werden mit Empathie beschrieben, auch solche, die Unrecht begehen, und die sich wiederholenden "Zeiten" ähneln Fortsetzungsgeschichten. Der Leser wird mit ihrer Welt vertraut. Der Grundton ist ein harmonischer, doch für Widersprüche offener: Die Grenze Urs wird von vier Erzengeln bewacht, nur können diese nicht die Weltgeschichte am Eintreten hindern, und von Ruta, der Tochter der naturverbundenen Ähre, erfahren wir, dass diese Grenze fertige Menschen hervorbringen könne, dass niemand sie überwinde und nichts dahinter sei. Später ist es Ruta selbst, der – wie Adelka – dieser Ort entzaubert wird, wonach sie jenseits seiner Grenze zieht.
Die Bewohner Urs reagieren mehr als sie agieren und das Augenmerk liegt auf ihrem Alltag, ihrem menschlichen Dasein. Ernährung, Begehren, die Gründung einer Familie, die Geburt eines Kindes, Krieg, Mord und natürlicher Tod sind wiederkehrende Motive. Daneben agieren Engel, die ein Wissen haben, das frei von Denken und Logik ist, und es geschehen Wunder wie die sich plötzlich mit heilsamer Milch füllenden Brüste Ähres. Legendenbildende, mythisch anmutende Szenen und ein altertümliches Setting färben auch auf realistisch geschilderte Ereignisse aus der Historie des 20. Jahrhunderts ab. Diese Ausweitung ins Mythische gelingt nicht zuletzt dank einer Reduktion auf Archetypen und Symbole. So wie der Freiherr Popielski nach Verlust seines Landes und sonstigen Vermögens durch das von einem Rabbi geschenkte Spiel mit den acht Welten verbunden ist, ist es die Müllerstochter mit ihrer Kaffeemühle, die ihr der Vater aus dem Krieg mitbrachte.
In solchen Sphären erstaunt es kaum, wenn die Muttergottes von Jeszkotle zu einem über einen kirchenschändenden Hund empörten Küster sagt: "Lass den Hund in Ruhe! Ich passe für Florentynka aus Ur auf ihn auf." Ja, an Humor mangelt es hier nicht und auch die zur Strafe aus dem unter der Erde verborgenen Königreich vertriebenen Pilze werden im Gedächtnis bleiben. Weitere bevorzugt verwendete rhetorische Stilmittel sind Übertreibungen und Wie-Vergleiche wie dort, wo es über Mütter heißt: "Die Kinder waren aus ihnen geschlüpft wie die Küken aus den Eiern. Und das Ei musste danach selbst zusehen, dass es wieder ganz wurde." Mitunter sind Anspielungen subtil und nur vage zu deuten, etwa wenn Misia während des Monats vor ihrem Tod die linke Seite der Welt zu sehen bekommt. Auf Landkarten und den Pythagoreern nach ist dies die Abendseite.
Mit diesem 1996 erschienenen Roman Tokarczuks hat die damals 34jährige Autorin ein Werk geschaffen, worin alles mit allem verbunden ist und stilistisch zueinander passt. Mit Gefühl für Sprache aus dem Polnischen ins Deutsche übertragen wurde Ur und andere Zeiten von Esther Kinsky. Vermutlich ungewollt rätselhaft bleibt lediglich, weshalb Popielski mit einem achtseitigen Würfel und entsprechenden Augenzahlen in der deutschen Übersetzung zunächst eine Null würfelt.
Der namenlose Ich-Erzähler dieses Werkes offenbart sich als ein besonders einfältiger, und entsprechend konventionell ist zunächst auch die Geschichte. Bereits im ersten Satz schildert der Erzähler einen Mord, den er zusammen mit seinem Freund John Divney begangen hat, und diesem Schuldbekenntnis lässt er einen Abriss der eigenen, dem Mord vorausgegangenen Lebensgeschichte folgen. Erst ab Beginn des zweiten Kapitels erfahren wir etwas über die seltsamen Theorien seines Idols de Selby und mit dem Griff nach einer Geldkassette stößt der Erzähler in völlig neue Dimensionen vor.
Den Wandel des Geschehens erfährt der Leser sukzessive: In einer dunklen Ecke seines Hauses taucht wie eine Geistererscheinung der ermordete Old Mathers auf und wenig später meldet sich die Seele des Erzählers zu Wort. Letzterer weiß nicht mehr, wie er heißt, sondern nur, dass er auf der Suche nach der Geldkassette des Ermordeten ist, weshalb er – zu erwähnen ist an dieser Stelle, dass er ein Holzbein hat – sich auf den Weg zu einer Polizeistation begibt, denn: "If they knew so much they would have no difficulty in telling me where I would find the black box."
Auf die doppelbödige Natur der Polizeidienststelle deutet schon ihre optische Erscheinung hin. Das Haus schaut wie eine schlecht gemalte Plakatwandwerbung aus, doch beim Näherkommen scheint es sein Äußeres zu ändern und räumliche Tiefe zu erlangen. Von den beiden Polizisten, die er im Gebäude antrifft, ist der eine, Sergeant Pluck, auf diverse Weise mit Fahrrädern beschäftigt, während der andere, MacCruiskeen, immer kleinere, am Ende unsichtbare Objekte anfertigt. Nach jahrelangem Starren an eine Zimmerdecke gelang es MacCruiskeen zudem, in den dortigen Rissen eine genaue Karte der Region zu entdecken und sogar einen zuvor unbekannten Weg, der in die Ewigkeit führt.
Was wir über diese Ewigkeit erfahren, ist mit de Selbys Erkenntnissen ebenso verwandt wie Plucks zentrale Fahrradtheorie. Der gesamte Roman folgt einer ureigenen Logik, deren Hintergründe spätestens im letzten der zwölf Kapitel ausgeleuchtet werden. Daneben wird in einzelnen Episoden zusätzlich Spannung aufgebaut. Aber auch rhythmische Variationen und Wiederholungen charakterisieren diese Geschichte, besonders häufig in den Dialogen mit verschiedenen Personen und gegen Ende in Form einer Schleife, welche die Hauptfigur den Großteil des Geschehens noch einmal durchleben lässt. Das erneute Staunen des Erzählers beim Anblick der wie schlecht gemalt wirkenden Polizeistation deutet darauf hin, dass er das früher Erlebte bereits vergessen hat, was ihn aber – und wen wundert es? – nicht daran hindert, als Erzähler zu fungieren.
Trotz jener Variationen ist die thematisch um menschliche Wahrnehmung kreisende Geschichte höchst effizient erzählt und allein die mit dieser am Mündlichen orientierten Sprache kontrastierenden Fußnoten zu de Selbys Ideen und Schriften überschreiten hier und da das optimale Maß. Das Personaltableau ist übersichtlich. Ohne das Fahrrad des Sergeanten Pluck mitzuzählen, komme ich auf ein Dutzend einzelne Figuren, darunter eine Frau. Neben dem Verhalten des Fahrrads ist vor allem das der drei Polizisten bizarr und grotesk.
The Third Policeman beeindruckt sowohl durch einen respektablen Plot als auch durch eine einfache und zugleich originelle Sprache, geprägt von Übertreibungen, Personifikationen und einer – nach herkömmlichem Verständnis – widersprüchlichen Logik. Der ernste Ton der handelnden Personen erhält beim Lesen eine humoristische Note, etwa wenn Sergeant Pluck, dessen Fahrrad in der einzigen Zelle steht, den des Mordes Beschuldigten fragt: "Would it inconvenience you if I neglected to bar you into the inside of the cell? I do not desire to be selfish but I have to think carefully about my bicycle. The wall of this day-room is no place for it."
Was uns in diesem Werk erzählt wird, lässt sich vielfältig deuten, nicht nur im Sinn des eigentlichen Plots, sondern auch als Parodie, als komischen Kriminalroman, als Wissenschaftssatire, als Sequenz rätselhafter Episoden oder allegorisch. Allein der Erzähler geht unbeirrt seines Weges und es ist nur konsequent, wenn er einen Tag nach jenem Griff nach der ominösen Geldkassette feststellt: "It would be foolish to doubt anything after yesterday."
"Der Trick ist der, dass man das Geld anderer Leute für sich arbeiten lässt" – diesen Leitsatz des Unternehmertums auf Pump hört auch der elfjährige J R während eines Klassenausflugs an die Wall Street, als dessen Höhepunkt die Klasse "einen Anteil an Amerika" in Form einer Aktie erwirbt. Noch stärker als in Gaddis' Erstling The Recognitions wird sich in J R am Markt orientiert. Geld ist das Hauptwort, mit welchem der Roman beginnt, und das für den titelgebenden Helden das Maß aller Dinge ist. Wer kennt keinen Unternehmer, der zuweilen die Mentalität eines Elfjährigen zeigt? Warum also nicht einen Elfjährigen einen Mischkonzern aufbauen lassen? Dass er allerlei über die Wirtschaft weiß, aber ansonsten ganz das Kind bleibt, lässt ihn umso menschlicher erscheinen und dies trotz wenig vorteilhafter Eigenheiten.
J R ist ein Buch ohne Stille. Es ist ein Dialogroman. Das Tempo ist hoch, die Szenen reihen sich nahtlos aneinander. Der Roman hat eine Haupt- und mehrere Nebenhandlungen, aber der Erzähler hält sich merklich zurück. Auf zusammenfassendes Erzählen wird durchgängig verzichtet. Die seltenen Beschreibungen sind meist in Dialogzeilen eingebettet und von diesen allein anhand des Inhalts unterscheidbar. Pausieren und durchatmen lassen sie den Leser nicht.
Die Wiedergabe der Gespräche erfolgt direkt im Wortlaut, doch wer jeweils etwas sagt, wird vom Erzähler nicht erwähnt. Je nach Sprecher ist das Gesagte mal mehr, mal weniger verständlich. Man unterbricht sich selbst, sucht nach Worten, lässt sich ablenken, schweift ab, wechselt mitten im Satz das Thema, fällt sich häufig wechselseitig in das Wort, äußert sich im Fachjargon von Buchhaltern und Aktienhändlern. Auch ein Radio mischt sich unaufhörlich ein und von Telefongesprächen, die gleichfalls selten exklusiv sind, wird uns pro Szene nur eine Seite mitgeteilt, denn der Erzähler ist nicht allwissend, er ist einer, der belauscht.
Für den Rezipienten von Vorteil ist die Fähigkeit zum konzentrierten Lesen, zu stetiger Aufmerksamkeit, um die Sprecher im Auge zu behalten oder diese wiederzuerkennen am Idiolekt und an anderen spärlichen Details. Wird die Lektüre unterbrochen und das aktuelle Setting samt Personal vergessen, geht leicht der Handlungsstrang verloren, da Hinweise dazu im Dialogverlauf auf ein Minimum beschränkt sind. An kleineren Ausschnitten und an der Sprache interessierten Lesern bleibt immerhin stets diese Ebene.
Haupthandlungsorte sind eine verlotterte, von erfolglosen Künstlern und als Büro für J Rs Firma genutzte Wohnung in der 96. Straße Manhattans und J Rs Schule inklusive Telefonzelle auf Long Island. Auch ein Haus der in der Vergangenheit lebenden Tanten des Komponisten Edward Bast, der anfangs J Rs Lehrer und später dessen Stellvertreter ist, steht wiederholt im Zentrum des Geschehens. Als komplexe und zum Greifen nahe Persönlichkeiten bleiben neben den bereits genannten auch Emily Joubert und Jack Gibbs, die beide ebenfalls Lehrer sind, sowie der PR-Schreiber Thomas Eigen und die koksende, von Sex versessene Rhoda in Erinnerung. Geschäftsleute werden hingegen als eindimensionale Wesen dargestellt, und von J Rs Mitschülern gewinnt lediglich der Sohn von Major Hyde an Profil. Wenn man diese beiden Jungen zusammen auf dem Postamt sehe, so Gibbs zu "Amy" Joubert, begreife man plötzlich, wie der militärindustrielle Komplex funktioniere – eine Äußerung, die auf das Konzept von einem verkleinerten Abbild deutet. Verhaltensweisen, wie sie hier exemplarisch im kleinen Rahmen veranschaulicht werden, formen in der Summe ein Gemeinwesen, das aus Sicht des Einzelnen schicksalhafte Auswirkungen hat.
Mehrmals werden Wagner und dessen Ring erwähnt, und dass Rheingold für die Entstehung seines Werkes wichtig ist, sagte Gaddis selbst einmal in einem Interview. Eine über die Figur des Alberich hinausgehende Intension des Autors fasst vermutlich Bast in Worte, wenn er sagt, dass er das Publikum zu etwas bringen wolle, statt etwas zu verlangen, "wie dieser E-Moll-Akkord, der das Rheingold eröffnet, immer weiter geht, er geht hundertsechsunddreißig Takte weiter, bis die Vorstellung, dass sich alles unter Wasser abspielt, wirklicher geworden ist als der schwitzige Plüschsessel, in dem man sitzt, und die viel zu engen Schuhe und . . ." Es ist ein dunkler Ton, mit dem diese Oper beginnt, um sich allmählich in eine Vielfalt zunehmend kräftigerer Stimmen und Themen zu entfalten, ein Ton, durch den man nach und nach in etwas hineingezogen wird. Abgesehen davon, dass bei Wagner jener Akkord des Vorspiels von Rheingold nicht in der Klagetonart E-Moll, sondern in Es-Dur tönt.
Ein anderes für J R bedeutsames und darin wiederkehrendes Motiv ist Entropie, die in den Jahren zuvor schon von Pynchon, Vonnegut, Barth und Bellow für literarische Zwecke verwendet wurde. Entropie wird von Gibbs, der später als nebenbei Schreibender mit dem Werktitel Agápē Agape eine besondere Nähe zum Autor erkennen lässt, in einer der ersten Szenen als Unterrichtsstoff in die Geschichte eingeführt, wozu er anmerkt, dass Ordnung lediglich ein dünner, gefährlicher Zustand sei, den wir der grundsätzlichen Wirklichkeit des Chaos überstülpen. Die zerfahrene Sprache von Gibbs und anderer Personen und das Durcheinander in der Kommunikation stehen für eben diese Wirklichkeit. Dieser Roman ist offensichtlich ein Versuch, eine chaotische oder von Entropie geprägte amerikanische Wirklichkeit wiederzugeben. Doch ließe sich J R, wie in der Tat geschehen, naturalistischen Traditionen zuordnen? Ist das Dargestellte objektiv? Wie naturgetreu sind seine Dialoge?
Die Sprache wirkt natürlich und ist dennoch über weite Strecken nicht mimetisch. Diese Sprache übertreibt und sie ist anderweitig stilisiert, bereits in der ersten Zeile: "Geld . . .? mit einer Stimme, die raschelte." Ellipse, Aposiopesis, Allusion, Ploce, Pleonasmus, Tautologie, Contextual Setup, Anthropomorphismus, Synekdoche, Oxymoron und diverse Arten des Vergleichs kommen gelegentlich zum Einsatz. Richtungen und Reihenfolgen werden umgekehrt, Personen selbstentfremdet dargestellt. Aus den unterschiedlichsten Gründen abgebrochene Sätze werden zum Normalfall: "Also, ja, er, ähm, ich dachte, Sie hätten vielleicht davon gehört, er hat einen, ähm, entschuldigen Sie mich ... hallo?" und über eine Mutter lesen wir, dass sie, wenn ihre Tochter krank ist, sich wie diese anzieht und für sie in die Schule geht. Komisches und Originelles, das in natura existieren mag, wird hier stark verdichtet präsentiert.
J R ist Satire, im Ganzen wie in den Details, und als solche konsequent zu Ende geführt. Der Hintergrund ist bis heute sehr real und ernst und selbst die Charaktere sind bislang kaum gealtert in diesem grandiosen, anspruchsvollen Werk. Bemerkenswert ist auch, dass es für eine deutsche Übersetzung (um nicht zu sagen Nachdichtung), für die schließlich Marcus Ingendaay und Klaus Modick sorgten, über zwei Jahrzehnte brauchte, aber somit immerhin nur halb so lange wie bei Gaddis' Erstling und Vorgängerroman.
Pessoa konnte Das Buch der Unruhe, mit dem er fünfundzwanzigjährig und mit über vierzig intensiv beschäftigt war, nie selber publizieren. Was er hinterließ, waren der Titel und möglicherweise dazugehörende ungeordnete Fragmente, die zusammen mit zigtausenden weiteren Blättern in einer Truhe lagen und für deren Aufarbeitung es bis zur Erstausgabe nahezu ein halbes Jahrhundert brauchte. Wenige Jahre nach Livro do Desassossego erschien eine stark gekürzte von Georg Rudolf Lind erstellte deutsche Übersetzung, der 2003 eine revidierte und wesentlich vollständigere von Inés Koebel unter dem Titel Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares folgte.
Pessoa, ein routinierter Nutzer von Heteronymen, bezeichnete Bernardo Soares als Halbheteronym und Teil der eigenen Persönlichkeit. In einem Vorwort beschreibt er, wie sie einander kennenlernten und er von dessen Buch erfuhr, das zu veröffentlichen zu Pessoas Lebensziel wurde. Das Werk von Soares besteht neben Betrachtungen des eigenen täglichen Umfelds und Philosophischem vor allem aus intensiver Selbstbeobachtung. Auch er ist nicht allein mit sich und notiert als Teil einer Lebensregel: "Die anderen zu sein, wenn man andere braucht". Jeder von uns stelle eine Gemeinschaft dar, ein Stadtviertel des Mysteriums, schreibt Soares und folgert an anderer Stelle: "Da ich mich ganz kenne, kenne ich auch die gesamte Menschheit ganz", jene Menschheit, die – neben dem Leben – ein Objekt seines Ekels ist, den er bisweilen noch vertiefen möchte, "so wie man Erbrechen hervorrufen kann, um den Brechreiz loszuwerden".
Soares ist ein Melancholiker mit misanthropen Zügen. Überdruss, "heraldisch wie die Nachkommen ferner Helden", ist seine Art der Distanzierung. Die Brotarbeit als Hilfsbuchhalter bietet keinen Spielraum für selbstbestimmtes Handeln, und was er im Privaten zu Papier bringt, wird nicht verlegt. Er fühlt sich unverstanden. "Ein jeder hat die Philosophie der eigenen Anlagen", schrieb Pavese in seinem Tagebuch. Dem entsprechend stilisiert sich Soares als "Verschwender des Verzichts", hält Zeitvergeudung für etwas Ästhetisches und lehnt es ab, verstanden zu werden. Physische Nähe ist ihm ein Gegen-Stimulus und selbst den eigenen Körper nennt er einen Misthaufen, während Worte "berührbare Leiber" sind. Vieles mutet esoterisch an: Das Leben sei eine Reise des Geistes durch die Materie, ein Windstoß pfeife durch das Bewusstsein von etwas anderen, und was man einer Sache materiell hinzufüge, verringere sie geistig. Vom höheren Menschen ist einige Mal die Rede, von einem, der aufsteigt und vollkommener wird. Was Soares in seinem Innersten fühlt, ist für ihn unvermittelbar. Überhaupt sieht er sich ganz zu seinen Gedanken, zu seinen Empfindungen geworden, zu einer Fiktion in jenem Universum, dass er für sich selber ist, und wenn er träumt, dann weil er dabei ohne Illusionen ist.
In dieser "Biographie ohne Ereignisse" ist keine Spannung zu erwarten. Einsamkeit ist ein wiederkehrendes Motiv, ebenso Entfremdung, das Entfremdetsein vom Leben, von eigenen Körperteilen, von sich selbst, der Seele, vom eigenen Bewusstsein. Einer der beigefügten "Großen Texte" trägt die Entfremdung programmatisch im Titel. Gelegentlich werden vom Erzähler Personen aus dem eigenen Umfeld erwähnt wie sein Chef Vasques oder ein paar Lastenträger, die sich in jener Dimension verorten lassen, in der man, wie Soares schreibt, lediglich als Körper lebt, aber eine dramatische Handlung entsteht auch dadurch nicht. Wesentlich häufiger tauchen Namen historischer Persönlichkeiten auf. Henri-Frédéric Amiel, Thomas Carlyle, Etienne de Condillac, Diogenes von Sinope, Omar Khayyām, Jean-Jacques Rousseau und António Vieira sind nicht zufällig präsent. Was der Erzähler von Herbert Spencer wiedergibt, variiert er selbst in anderen Fragmenten und von Ernst Haeckel zitiert er in leicht abgewandelten Worten einen Satz, nach dem die Unterschiede zwischen den höchsten und den niedrigsten Menschen größer als die zwischen den niedrigsten Menschen von den höchsten Tieren seien.
Soares ist nicht ohne Widersprüche, etwa wenn er feststellt: "Alles Denken erscheint uns herabgewürdigt, kaum verleiht man ihm mit Worten Ausdruck." Seine Ausdrucksweise ist eindeutig und klar, wie von jemand, der verstanden werden will, und zugleich überwältigt dieses Werk mit einer Vielzahl kunstgerecht unter Verwendung rhetorischer Stilmittel formulierter Sätze. Dass er sich seiner widersprüchlichen Haltung bewusst ist, zeigt sich, wenn er in der Tradition von Epimenides und Eubulides schreibt: "Doch glaube auch nicht an das, was ich dir sage, denn man soll an nichts glauben." Für ihn begleitet Ironie nicht nur das Spiel mit Realität und Fiktion. Sie liegt auch in den Gegensätzen.
Übertreibungen, Verkleinerungen, Vergleiche und sonstige Gleichsetzungen, Ploces, etymologische Figuren, Tautologien, Unterscheidungen von scheinbar Identischem, Synästhesien, Oxymora und scheinbar Widersprüchliches, Anthropomorphismen, Verkörperlichungen von Gedanken, Gefühlen, Träumen, Leben, Tod, Zeit, Seele, Geist und anderer Abstrakta sowie Entkörperlichungen der Seele und der eigenen Person sind weitere häufig verwendete rhetorische Figuren. Auch Fremdbestimmung, Abstand zu und Uneinigkeit mit sich selbst werden in verschiedenen Fragmenten in Worte gefasst. Nicht wenig sieht er durch das eigene Wesen, die eigenen Befindlichkeiten und Gefühle, durch Gegenteiliges oder scheinbar Gegenteiliges bedingt. Ursache und Wirkung werden umgekehrt und Wirkungen sind oft konträr zu dem, was man gewohnt ist, oder es fehlt an dem, was einem Zustand, einer Absicht, einer Tat vorausgehen müsste. Und ja, "ein ehrlicher Satz sollte immer mehrere Bedeutungen haben können".
Die ihm wichtigen Gedanken werden vom Erzähler wiederholt und variiert. Hier schreitet nichts voran, außer der Facettenbildung, aber vielleicht ist es mit dem Lesen wie mit dem Reisen und "was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern was wir sind."
Pamuks sechster Roman Rot ist mein Name handelt im Istanbul des Jahres 1591, wo die osmanische Miniaturmalerei unter Murad III. ihren Höhepunkt erlebt. Auch hier werden Bilder argwöhnisch betrachtet und dies nicht nur wie im Juden- und Christentum im religiösem, sondern gleichermaßen im profanen Bereich, da aus islamischer Sicht die Schöpfung von Lebewesen allein die Sache Gottes ist. Dennoch entwickelte sich seit der Herrschaft Mehmed II. eine Miniaturmalerei, die für östliche und westliche Einflüsse offen war, wobei nicht vergessen werden sollte, dass im europäischen Mittelalter bis ins 14. Jahrhundert hinein die Porträtmalerei ebenfalls kaum eine Rolle spielte und eine realistische Darstellung mit Perspektive, detailliertem Schatten und Tiefenwirkung erst mit der altniederländischen Malerei im 15. Jahrhundert aufkam.
Miniaturmalerei ist in diesem Roman ein Feld der Auseinandersetzung, doch reichen die damit verbundenen Konflikte weit über diese Kunstform hinaus. Rot ist mein Name beginnt mit der Stimme eines toten Vergolders, der mit drei weiteren Buchmalern an einem Werk mitwirkte, das ein Geschenk des Sultans an den Dogen von Venedig werden soll. In einem Brunnen liegend wartet er darauf, gefunden zu werden, und fordert dazu auf, seinen Mörder zu finden. In den folgenden achtundfünfzig Kapiteln kommen weitere Erzähler zu Wort, einige einmalig, andere bis zu einem Dutzend Mal: Miniaturmaler, Geliebte, Verwandte, Nebenfiguren, eine Münze, ein gemalter Hund, ein Pferd, ein Baum, der Tod, die Farbe Rot, der Satan. Diese treten nicht wie Zeugen auf. Sie werden nicht gezielt befragt. In ruhigem Ton erzählen sie aus ihrer eigenen mit dem Fall verbundenen Geschichte, mit eigenem Charakter und eigener Perspektive. Adressat ist ein Leser oder Zuhörer, der nach und nach zwar nicht allwissend wird, aber mehr erfährt, als jeder einzelne Erzähler weiß, ausgenommen den verborgenen, der ganz am Ende preisgegeben wird.
Was aus unterschiedlichen Betrachtungswinkeln geschildert wird, ergibt eine vielseitige, eine heterogene Geschichte. Es ist unterhaltsam, wenn die Farbe Rot uns ihr Gefühl beim Niederlassen auf einer schönen Illustration beschreibt, wobei ihr vom Pinsel kitzlig wird, und es ist lehrreich, wenn ein auf ein Blatt Papier gemalter Baum über fremdländische Meister plaudert und für sich selbst betont: "Nein, ich will kein Baum, will nur der Inbegriff eines Baumes sein." Als wären die Ideen Platons hier das Ideal. Doch schweifen wir nicht ab von jenem Mord? Ist dies kein Kriminalroman? Dies ist es, aber nur vordergründig. Den Täter zu finden, ist vor allem Kara bemüht, der die Tochter eines Oheims ehelichen will, in dessen Händen das Projekt des besagten Buches liegt. Die Hintergründe jenes Mordes und weiterer Taten sind das eigentliche Thema des Romans.
Zentraler Streitpunkt dieser Maler ist der Stil. Als hervorragendste Eigenschaft eines Altmeisters wird von einem Illustrator dessen Eigenschaftslosigkeit genannt und ein anderer erklärt Stil als eine Abweichung, als Mangel eines Werkes. Signatur und Stil bedeuten danach nichts weiter, als dass man sich dumm und hochnäsig mit Unvollkommenheit brüste. Blindheit ist in diesem Kontext ein wiederkehrendes Motiv, weniger als Metapher, sondern als Teil eines Kunstverständnisses, das Idealisiertes – memoriert und jahrzehntelang wiederholt – dem Realistischen und Individuellen vorzieht. "Das beste Bild eines Pferdes würde ohnehin im Dunkeln gezeichnet", zitiert der Mörder alte Meister, und in einer anderen Schule gilt Blindsein als die höchste Tugend von Allahs Gnaden, weshalb dieser Zustand ersehnt und, wenn es nicht anders geht, herbeigeführt wird. Begünstigt durch die Erzählstruktur können Meister Osam und andere Traditionalisten ihre Argumente gleichberechtigt mit für Neues und Fremdes offeneren Kontrahenten präsentieren.
Aus dem mitunter tödlichen Aufeinandertreffen verschiedener durchaus nuancierter Ansichten zu Stil und Identität entsteht eine thematische Grundspannung. Das gleichwohl häufig Statische dieses Erzählwerks passt nicht nur zur traditionellen osmanischen Ikonographie und zur Tätigkeit eines "die eigene Geduld malenden" Illustrators, sondern auch dazu, dass zur Zeit des Geschehens das Osmanische Reich seine größte räumliche Ausdehnung erreicht. Mit einer Fülle von Details, Beschreibungen und erläuternden Geschichten wird uns jene ferne Welt vermittelt.
Dass die neunzehn Erzähler der einzelnen Kapitel einen ähnlich ausgewogenen und eingängigen Sprachstil verwenden, fördert den Lesefluss. Individuelle Eigenarten sind inhaltlicher, selten sprachlicher Natur, was auch für die Verwendung von Stilmitteln wie Oxymora und das Beleben gemalter Lebewesen gilt. Der Erzählton ist jeweils der von Geschichtenerzählern, sachlich, aber bisweilen von leichter Ironie begleitet. Er lädt nur marginal zu Mitgefühl und Nähe ein. Weder die Liebes- noch die Kriminalgeschichte sind derart ausgestaltet, dass hierdurch das zentrale Thema an Gewicht verlieren könnte: ein Richtungsstreit unter Miniaturmalern vor vierhundert Jahren. Diesen Roman als Gleichnis für Verhältnisse in der Türkei der 1990er Jahre zu lesen, liegt nicht fern, wird uns jedoch nicht aufgedrängt.
Im einleitenden "Buch eines Toten" erfahren wir vom Ich-Erzähler, dass er nur einen Arm zu schwenken brauche, um auch Entfernungen außerhalb seiner Reichweite zu fühlen, und dass, als sich seine Gedanken durch einen stirnbreiten Schacht bewegen, sein Leib ausreichend geschmeidig ist, ihnen auf diesem Weg zu folgen. Später, an der Tür zu einem Grab, fließt sein Finger – so jedenfalls fühlt es sich an für ihn – in den Mechanismus eines Schlosses. Während er die Hand dreht, springt es auf, und als er dahinter die Hinterlassenschaften von Grabräubern entdeckt, ist sein Zorn derart gewaltig, dass sein Blick an einem Bronzeleuchter eine Flamme entfacht. An einem zerfressenen Fuß einer Mumie sieht er ein weißliches, wuselndes Gewirr, derweil ihm selbst die Sohlen der Füße wie von Ameisen brennen. Erst allmählich wird ihm klar, dass er der Ka dieses Toten, der Ka von Osiris Menenhetet II. ist.
In eben jenem Grab im Ägypten des 12. Jahrhunderts v. Chr. kommt er ins Gespräch mit dem Ka seines Urgroßvaters Menenhetet I., und was dieser ihm über die Götter und seine eigenen vier Leben erzählt, füllt den Hauptteil dieses umfangreichen Romans. Davor, dass es obszön werden wird, warnt uns der Erzähler bereits ausgangs des ersten Buches. Die Götter werden in diesem Sinn zu einem Leitbild aufgebaut, dem Pharaonen und weniger göttliche Wesen folgen. Die Verbindung von Machtgebaren und Sex ist zentral für dieses Werk und jenes Land am Nil, das für Ramses IX., wie wir lesen, "nichts anderes als die Spalte zwischen zwei mächtigen Hinterbacken ist". Sexualisierte Göttermythen und pharaonische Geschwisterehen werden ergänzt und ausgeweitet, ausgehend von Altbekanntem wie dem Übergriff von Seth auf seinen Bruder Horus und dem Inzest zwischen Horus und seiner Mutter Isis, zu dem es im "Buch der Götter" heißt, dass sie, indem sie ihrem Sohn beischlafe, ihrem Mann Osiris die Treue halte.
Menenhetet I. erzählt besonders ausführlich über sein erstes Leben und sein Wirken unter Ramses II., dessen Frau er statt Nefertari Nefertiri nennt, während in sein viertes Leben die Herrschaftszeit von Ramses IX. fiel, den auch der Urenkel kennenlernte, und da beide Erzähler über telepathische Fähigkeiten verfügen, wird ihr Wissensstand durch die Gedanken anderer Personen erweitert. Geschildert werden Rituale und Gepflogenheiten in Episoden und größeren Ereignissen, teils in exzessiver Weise, aber ohne dass eine umfassende dramatische Handlung entsteht. Die Rolle des Urgroßvaters gegenüber Menenhetet II. gleicht der eines Jenseitsführers, nur dient hier die Welt der Toten lediglich als Rahmen, um aus dem Leben zu erzählen, und der Leser muss selber nach sich schauen, will er nicht in einer Geschichte versinken, in der Religion, Gewalt, Magie und Sex schwerlich zu trennen sind. Es ist vorrangig Ramses II., der als "großer Pflug von Ägypten den Acker bestellt", was Menenhetet I. vier Tode später folgern lässt: "Sein Samen ist im Samen von uns allen."
Der Zeit und dem Land angemessen ist Magie allgegenwärtig, auch im Skatologischen und dort nicht auf den göttlichen Skarabäus beschränkt. Nicht selten geht das Magische über Religion und ihre Rituale, über Mythologie und die Köpfe der Menschen hinaus, etwa wenn Wonnekugel mit ihrer Stimme eine Leier an der Wand zum Zittern, Alabasterschalen zum Klirren und den Boden unter den Füßen zum Beben bringt. Übertreibungen, besonders von Wirkungen und Fähigkeiten, Vergleiche, Oxymora, Anthropomorphismen, anderweitig verkörperlichte Abstrakta, Entkörperlichungen und Synästhesien sind die häufigsten rhetorischen Figuren.
Historische Romane geben gewöhnlich weniger Historie als die zeitbedingte Sicht der jeweiligen Autoren wieder und Mailer projiziert womöglich mehr in das Ägypten jener Jahre als für dieses Genre als angemessen gilt. Was in den ersten beiden Büchern, dem "Buch eines Toten" und dem "Buch der Götter", zunächst zwar nebulös, aber stilistisch gelungen ist, wirkt danach über weite Strecken ermüdend. Dieselben Motive werden in Variationen immer wieder aufs Neue und oft mit übermäßigem Aufwand illustriert. Das Streben der Figuren in dieser vornehmlich phallozentristischen Kultur zielt primär auf Status und Macht, und selbst als Menenhetet II. erkennt, dass sogar der Urgroßvater in seinen vier Leben nicht gefunden hat, was dieser suchte, sagt ihm sein Ba – in Form eines kleinen Vogels mit Menschenkopf und seinem Gesicht –, "dass Reinheit und Gutheit Osiris weniger bedeuteten als Stärke". Bis zuletzt hängt es ganz vom Leser ab, ob er diesen Roman, dessen erzählerischer Ton ein ernster ist, als einen kritischen, schmähenden oder verherrlichenden liest.
Eine derartige Verschlankung mag der Handlung des Romans förderlich sein, doch sind es gerade solche Ansichten, die für den Autor offensichtlich alles andere als nebensächlich waren. Im ersten, zweiten und vierten Teil gibt der Erzähler mehrmals Einschätzungen des philosophierenden Bruno Bassán wieder, der – im Alter des Autors – zum Vertrauten des jugendlichen Martín Castillo wird. Dem, was Bruno verallgemeinernd denkt und äußert, wird kaum widersprochen. Es dient primär als Erklärung für den Leser wie dort, wo Bruno über den ebenfalls gleichaltrigen Fernando Vidal Olmos, dessen "Bericht über die Blinden" den dritten Teil des Buches ausmacht, sagt:
"Jedenfalls konnte man seine von der Norm abweichenden Eigenheiten dem väterlichen Erbe zuschreiben, aber auch der Tatsache, dass die Familie Olmos in gewissem Grade exzentrisch und degeneriert war (ein echt nationales Attribut vieler alter Familien). Diese dekadente Familie machte den Eindruck, als ob sie sich aus Gespenstern und verträumten Schlafwandlern zusammensetzte, inmitten einer brutalen Realität, die sie nicht spürten, nicht hörten, nicht begriffen, was ihnen auf merkwürdige und beinahe komische Art zunächst einmal den paradoxen Vorteil gab, die harte Mauer der Realität zu überwinden, als ob sie nicht vorhanden wäre."
Verwandtschaftlich mit den Olmos verbunden sind zudem die Acevedos, zu denen ein einst mit Lavalle kämpfender Oberst gehört, dessen Kopf hundert Jahre zuvor von der paramilitärischen Mazorca durch ein Fenster der Familienvilla geworfen wurde. Und als Bezug zu der realen Welt sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass auch Borges' Mutter von einer alten argentinischen Familie namens Acevedos abstammt.
Auf einer weiteren Erzählebene wird – in nicht-exklusiver kursiver Schrift und im Wechsel mit der jüngeren Handlung – von der Flucht der Legion Lavalle im Jahr 1841 berichtet, womit eine Parallele zwischen politischer Historie und dem Leben ein Jahrhundert später gezogen wird. Verknüpft wird beides durch Alejandra Vidal Olmos und ihre Familie, die in Argentinien verwurzelt ist, weshalb ich statt des in der deutschen Übersetzung verwendeten "Alexandra" stets den spanischen Namen las und hier bei diesem bleibe.
Eine Liebesgeschichte zwischen dem aus schlichten Verhältnissen stammenden Martín Castillo und eben dieser Alejandra ist Ausgangspunkt und tragendes Motiv des Romans, eine Beziehung, um die sich vor allem Martín bemüht, auch wenn Alejandra ihn "Dummkopf", "Kindskopf", "Idiot" und "geistig zurückgeblieben" nennt. Überhaupt wird ihr rätselhaftes und mitunter herrisches Wesen wie komplementär zu seinem dargestellt und dieses Erzählwerk handelt nicht zuletzt von Martíns Versuchen, dieses Wesen zu ergründen. Ort der Liaison ist anfangs der Lezama-Park und später der ehemals wohlhabende und nun von Arbeitern und Einwanderern bewohnte Stadtteil Barracas in Buenos Aires, wo noch Reste des alten Anwesens der Olmos stehen, worin unter anderen der 95jährige Pancho lebt, der mit seinen Erinnerungen ein Bindeglied zur parallel erzählten Geschichte vom Ende der Legion Lavalle darstellt. Die Konflikte und Veränderungen Argentiniens, seiner Hauptstadt und eben jenes Stadtteils werden gespiegelt in den Identitätsproblemen des jungen Liebespaares und in der Rolle, die Mutter und Vater nicht nur für diese beiden spielen.
Dem Anspruch des Autors entsprechend, ist kein Satz derart stilisiert, dass dies den Lesefluss bremst. Für Letzteres sorgen allenfalls die Wechsel zwischen den verschiedenen Erzählebenen. Häufig verwendete rhetorische Figuren sind bildliche Vergleiche und Paradoxa. Die geschilderten Schicksale sind größtenteils tragisch, obgleich für Argentinier nicht ohne nationalen Wert, wie Fernando mit einem Gegenbeispiel unterstreicht, wenn er in seinem "Bericht über die Blinden", den sich ansonsten jeder selbst erschließen sollte, schreibt:
"Und so ging es mir bei jener Gelegenheit durch den Kopf, dass die Legende von Wilhelm Tell getreulich die Schweizer Seele spiegelt: als der Schütze mit dem Pfeil den Apfel traf – und es war sicherlich die genaue Mitte des Apfels –, verloren die Schweizer die einzige historische Gelegenheit, sich einer großen, nationalen Tragödie rühmen zu können. Was kann man von einem solchen Land erwarten? Eine Rasse von Uhrmachern, bestenfalls."
Die Gegenwart wird mit düsterem, Tiefe suggerierendem Grundton gezeichnet, doch nur bei sogenannten einfachen Leuten wie Humberto J. d'Arcángelo erhalten Rückblicke auf Vergangenes nostalgische Züge. Für die Familie Olmos und die junge männliche Hauptfigur ist die Sicht eine andere:
"Von weitem schon hatte Martín den Häuserkasten gesehen, mit seinem Mirador da oben, dem gespenstischen Rest einer Welt, die nicht mehr existierte."
Die meisten der oft bildhaften Kommentare wirken bereichernd für dieses Werk. Binsenweisheiten sind vergleichsweise selten. Auf einen den Roman einleitenden und seinen Höhepunkt vorwegnehmenden Ausschnitt aus einem Polizeibericht über den Tod Alejandras und Fernandos folgt die Wiedergabe der dazugehörigen Geschichte, bei der der allwissende Erzähler – im Gegensatz zur Vorbemerkung – Spannung dadurch aufzubauen sucht, dass er zuweilen nicht einmal erwähnt, was die betroffenen Personen bereits wissen, wie beispielsweise den Grund für die Entlassung Martíns. Der Dramatik tatsächlich dienlich ist hingegen, dass der Leser wie auch Martín bezüglich der Blinden und der Beziehung Alejandras zu Fernando lange Zeit im Dunkeln bleibt.
Eine Stärke Sábatos ist es, dass er durch seine Erzähler die Reste jener alten Welt zum Leben erweckt und sie in der Person Alejandras zu einem Rätsel werden lässt, das quasi einen Ausweg aus sich selber sucht, verkörpert in dieser aparten, aber launischen jungen Frau, scheinbar unberechenbar und doch in ihrem Wesen nicht ohne Konsistenz, wie in jenem von Matrosen und Prostituierten bevölkerten Café, wo Alejandra, bevor sie von ihrem Freund verlangt, sie dort allein zu lassen, fasziniert von einer Sängerin über diese sagt: "Sie ist so heruntergekommen, sie kann nicht singen, und auch im Bett wird sie kaum taugen, außer zu ausgefallenen Perversitäten. Wer würde sich ein solches Monstrum aufladen? [...] Was gäbe ich darum, wenn ich wie sie wäre."
Beim Lesen von Georgi Gospodinovs Roman Physik der Schwermut wird nach einer einleitenden Geschichte mit einem Minotaurusjungen spätestens beim ersten "Seitengang" und dem ersten "Ort zum Innehalten" offensichtlich, dass der Roman in seinem Aufbau als Labyrinth verstanden werden will. Auch hier geht es um Einsamkeit. Auch hier wird nicht alles in nur einer Version erzählt, und etwas Kreisförmiges bekommt die Geschichte sowohl durch den "Ein Anfang" betitelten und inhaltlich rekurrierenden letzten Abschnitt als auch dadurch, dass der Erzähler mithilfe des Erinnerns einen Mechanismus auszulösen sucht, "der das Weltall dazu bringt, sich mit seiner ganzen Maschinerie in die umgekehrte Richtung zu bewegen". Anders als der in eine aktivere Rolle genötigte Leser bei Rayuela und der am Ende als Heldenfigur scheiternde General Bolívar steht in Physik der Schwermut der Minotaurus im Mittelpunkt – ein unschuldiges Opfer, in welches der Erzähler sich hineinversetzt, das er verteidigt und mit dem er sich vergleicht. Als er ihn zu Wort kommen lässt, klingt er – im Unterschied zum Minotaurus in Borges' Das Haus von Asterion – auffallend verbittert.
In Physik der Schwermut versteht sich das Ich des Erzählers in der Mehrzahl und dank einer in der Kindheit ausgeprägten "pathologischen Empathie" fühlt er sich nicht nur in den Minotaurusjungen hinein. In seinen Erinnerungen vermag er mit dieser Gabe den Vater ebenso auszuspähen wie den Großvater und eine Nacktschnecke, die dieser verschluckt, und dem Leser werden die damit verbundenen Perspektiven auch durch die jeweilige Erzählsituation vermittelt. Wie schon bei Gospodinovs erstem Roman stimmt hier der Vor- und Nachname des Helden mit dem des Autors überein, wenngleich dieses Mal der Familienname lediglich indirekt durch die Nennung von mehreren unter dem Namen des Erzählers erschienenen Büchern ins Spiel gebracht wird. Dieser Georgi Gospodinov fungiert als Ich-Erzähler, wechselt aber, wo er von seiner Kindheit schreibt, mitunter "in den Schutzraum der dritten Person". Ein Wechsel von der Er- zur Ich-Erzählung inmitten einer Geschichte im "Vergangenheitsmaschine" genannten Abschnitt bleibt hingegen ähnlich rätselhaft wie anderswo der Umstand, dass direkte Rede mal mit und mal ohne Anführungszeichen wiedergeben wird. Gelungen und originell ist der Identitätswechsel gegen Ende, als ein neuer Ich-Erzähler sich uns als angeforderter Literaturexperte für die Begutachtung von Notizbüchern in der Kellerwohnung eines Schriftstellerkollegen vorstellt, welcher der vorherigen Erzähler war.
Dass der primäre Ich-Erzähler einem allwissenden ähnelt, ist, abgesehen von seinen empathischen Fähigkeiten, nicht zuletzt durch seine Sammelleidenschaft begründet: Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften, Listen, Statistiken und vor allem Anekdoten und größere Geschichten, gekaufte und anderweitig aufgeschnappte, bemerkenswerte neben banalen – all dies bunkert er in seinem Keller in sogenannten Noahkartons. Einiges, wie eine Meldung über den 2010 in Tafalla auf die Zuschauerränge einer Arena kletternden Stier, wird erzählerisch verknüpft, während anderes, wie das Lamento über eine Phobie vor der Frage "Wie geht's" oder die Beschreibung einer finnischen Dichterfamilie, isoliert wirkt und somit weniger in einem Seitengang des Labyrinths und eher in einer Art Grabkammer liegt, die der Erzähler den "Zeitkapseln" zuordnen dürfte, die ein weiteres konstituierendes Motiv dieses Erzählwerks sind.
Wie das Innere jener Noahkartons des Erzählers besteht auch der Roman aus einzelnen Geschichten, worin es größtenteils um sein bisheriges Leben, seine Familie, den Minotaurus und Bulgarien sowie, damit verschmolzen, um Mitgefühl, Trauer und Vergänglichkeit geht. Physik der Schwermut ist nicht der erste Archivroman und auch nicht der erste in fragmentarischer Form, was ihn aber von anderen unterscheidet, ist die einfühlsame Haltung des Erzählers und die Qualität des Humors. Seine Geschichten sind abwechslungsreich und unterhaltsam. Einem einheitlichen Gefüge zieht er Offenheit und Vielfalt vor und für Letzteres dient als Modell die Arche Noah. Die an sich sachliche und einfache Sprache wartet immer wieder mit überraschenden Ausdrucksweisen auf: Vergleiche, übertriebene Bezeichnungen und andere Hyperbeln, scheinbar Widersprüchliches ("genau dieses Nichts tut mir weh") und eine Vorliebe für Imaginäres, das vorgeblich reale Spuren hinterlässt, wie das unsichtbare Bajonett, das gelesene Rezept eines Birnenkuchens oder die Souvenirs nie stattgefundener Reisen.
Die neben dem Minotaurus literarischste – obwohl etwas blasse – Figur ist Gaustín, ein Freund des Erzählers aus dessen Studentenzeit in den 1990ern, der sich nach seinem Verschwinden als Zeitreisender aus dem Jahr 1937 zurückmeldet und auf den er sich bei seinem vom "reinen Genre" abweichenden Konzept und seinem Hang zu Vergänglichem beruft. Erzählerisch fesselnd sind die Lebenserinnerungen im ersten Kapitel, wo auch die erwähnten Stilmittel vergleichsweise häufig verwendet werden. Die Geschichten um den Großvater werden fast ins Mythische gehoben, während später einzelne, weitgehend spannungsfreie Zeitkapseln und Gegenentwürfe zum Anthropozentrismus überwiegen, miteinander verbunden durch des Erzählers Biografie und Sammeltätigkeit und gelegentliche Kunstgriffe wie in jener Szene, in der er mit seiner Tochter in Berlin beim Drehen eines Kriegsfilmes stört:
"Sie hielten die Kamera an. Die ganze Kinomaschinerie verstummte. Für einige Minuten steht der Zweite Weltkrieg gezwungenermaßen still. Und weil die Dinge gleichzeitig geschehen, stelle ich mir vor, wie genau in diesen zwei Minuten während der Schlacht in Ungarn eine Frau den unerklärlichen Stillstand der Kampfhandlungen genutzt hat, sie ist auf die Straße hinausgegangen und hat den verwundeten Soldaten in ihr Haus geschleppt." Jenen Soldaten, der sein Großvater war.
Der Zugang zu jenen Tiefgeschossen ist gewöhnlichen Gästen des Hotels verborgen. Sie sehen weder die Wendeltreppe nach unten noch die verschlungenen Kabel und Rohre entlang der Korridore, anders als der Erzähler, der, ausgestattet mit den passenden Schlüsseln, Zutritt zu allen Handlungsorten hat und in der Geschichte als Hauptperson agiert.
Von einer höheren Instanz wird diesem Erzähler vorgeworfen, er beschreibe die Kulissen nur von hinten, "ohne den geringsten erkennbaren Versuch, die Übergänge zwischen Holz und Pappe, Farbnasen, die nackte graue Leinwand, die groben unbehandelten Stützbalken, die die ganze Konstruktion tragen, zu kaschieren". Neben anderen Indizien lässt dies darauf schließen, dass die von ihm zu erzählende Geschichte die uns vorliegende ist, mit sich selbst in dritter Person und zudem derart in einer personalen Erzählsituation an sich gebunden, dass er noch nicht mal weiß, ob einer von ihm geschaffenen Person die Brieftasche gestohlen wurde. Doch wer ist "der", der von ihm einen täuschend echten Eindruck der Wirklichkeit erwartet, der ihn berufen und seither vernachlässigt hat, womöglich faulenzend im Bett liegend "zwischen zerwühlten Decken, mit dem Rücken zur Welt, umgeben von leeren Flaschen oder benutzten Spritzen"? Für wen steht diese dem Erzähler Bargeld zahlende höhere Instanz jenseits aller Ironie? Für den Autor, den Verleger, den Literaturbetrieb? Oder die naheliegendste Option: den Erzähler dieses Werkes, der von der Figur zu trennen ist?
Auf den ersten Seiten dieser Geschichte werden Personen in Erzählungen mit Hochseilakrobaten verglichen, ein Gleichnis, aus dem heraus fast unmerklich zwei derartige Artisten als handelnde Personen entstehen, die im Hotel absteigen. Weitere gleichnishafte Metaphern folgen und als eine solche kann auch das Hotel betrachtet werden, in welchem sich alles mit allem verweben lässt. Die Figur des Erzählers, der den Faden führen sollte, ist zwar überfordert und ohne Einfluss auf gravierende Veränderungen, doch muss dies den Leser hier nicht stören. Im Gegenteil. Der Leser macht es sich bequem, während der andere – obwohl meist mit der Geste dessen, der nur schreibt, was er gerade sieht – sich mit der Geschichte abmüht, wenig souverän und eher wie ein Opfer, gefangen und gegängelt in jener Welt, die im Innersten zerfällt.
Eine der Personen wechselt ihr Metier und entsprechend ihr Outfit. Accessoires wie herunterhängende Hosenträger, eine Goldrandbrille und eine opalisierende Glaskugel tauchen bei Personen in gegensätzlichen Rollen auf. Neben dem Ehepaar Feuchtmeier und einem gleichnamigen deutschen Kanonenboot-Kapitän tritt ein jüdisches Ehepaar mit einem verwandt klingenden und für diesen Zweck ins Jiddische transferierten Namen auf. Ein Trompeter heißt John Maybe und ein Akrobat wird Magsein und Möglich genannt. Generell sind die Figuren spärlich ausgestattet.
Angedeutet wurde bereits die Vorliebe des Erzählers für Metaphern, die auch bravourös gehandhabt werden. Des Weiteren erleben wir die Personifizierung von Worten und bildliche Wie-Vergleiche. Nach dem Zeitsprung an der Lukenklappe, der den Erzähler in die Zeit des Zweiten Weltkrieges versetzt, ist der Kopfhörer eines anachronistischen Walkmans zu sehen, "der wundersam überlebt hat", und natürlich bringt in diesem Umfeld kein Durchschneiden eines Kabels ein Telefon zum Schweigen, weshalb es auch in jener fernen Zeit nicht überrascht, dass sich am anderen Ende die höhere Instanz via Mobiltelefon meldet.
Dialoge sind selten und direkte Rede findet sich erst eingangs des Finales. Insgesamt ist dieses Werk wesentlich origineller, als es der eher ins Mechanische weisende Titel erwarten lässt. Besonders beeindruckend an Getriebe ist die ironische Distanz des Erzählers, sein lässiger, stets unprätentiöser Ton. Der Erzähler weiß, dass der Sinn seiner Existenz in nicht mehr als dieser Geschichte besteht, an deren Ende er in Stille und Dunkelheit verschwinden wird, aber nicht bevor ihm widerfährt, was anfangs als Vergleich geäußert wurde.
Die promovierte Biologin Magdalena Tulli debütierte 1995 vierzigjährig mit ihrem ersten Roman. Getriebe, ihr dritter, wurde von Esther Kinsky übersetzt und erschien hierzulande von mir gänzlich unbemerkt. Auf Magdalena Tulli und ihr Werk aufmerksam machte mich Annelie Jagenholz, der ich für ihre zahlreichen Hinweise zu sehr unterschiedlichen Autoren danke.
Für die Erstveröffentlichung des 1971 beendeten Romans sorgte ein Auslandsverlag 1978 in der Originalfassung, wobei damals der zu dieser Zeit geschriebene Kommentarteil genauso wenig enthalten war wie in den ersten Übersetzungen Mitte der 80er Jahre. Jenseits des Samisdat wurde das Werk erst 1987 in Bitows Heimat publiziert.
Ort des Geschehens ist Leningrad, das der Erzähler, wenn er die Altstadt meint, auch Petersburg nennt, und erzählt wird weitgehend aus der Perspektive des dort wohnenden Lew Nikolajewitsch Odojewzews, genannt Ljowa, dessen unmittelbaren Vorfahren in väterlicher Linie zwei bekannte Philologen sind. Ljowas Geburt im Jahr des Höhepunkts der stalinistischen Säuberungen und zugleich hundert Jahre nach Puschkins Tod darf – jenseits der Koinzidenz mit dem Geburtsjahr des Autors – symbolisch verstanden werden. Trotz eines distanzierten Verhältnisses zum Vater wächst er wohlbehütet auf. Als ein wahlweise Onkel Mitja und Onkel Dickens genannter Nachbar aus einem sibirischen Lager zurückkehrt, dient dieser als Ersatzfigur für den in einem solchen Lager verschwundenen Großvater, der seinerseits später eine Rolle spielen wird. Obwohl Ljowas eigene Lebensgeschichte, die uns bis zur bevorstehenden Verteidigung seiner Dissertation als Literaturwissenschaftler geschildert wird, auffallend stromlinienförmig verläuft, fühlt er sich zu jenen authentisch wirkenden alten Männern hingezogen.
Im Roman gibt es Versionen und Varianten und als solche bezeichnet werden auch die beiden ersten Teile des Romans, zwischen denen das Hauptaugenmerk von Ljowas häuslichem Umfeld zu seinen Freundinnen und den auf eigene Weise zwiespältigen Nationalisten und Antisemiten Mitischatjew wechselt, bevor im dritten Teil ein bereits im Prolog ins Bild gesetzter Vorfall während des höchsten sowjetischen Feiertages beschrieben wird. Die Handlung wird begleitet von Kommentaren des Erzählers und separat hervorgehobenen des "Autors". Letzterer geht mehr auf literaturwissenschaftliche Hintergründe ein, aber beide thematisieren das Schreiben des Romans wie dort, wo der Erzähler das Lektorat um Terminverschiebung bittet, "auf dass Ljowa alles hinbekäme".
Indem der Autor und sein Erzähler über die Gestaltung der Figuren reflektieren, wird uns deren generelle Formbarkeit ebenso bewusster, wie dass sie ihre Rollen in "Varianten" in einem zeitgemäßen Rahmen spielen. Der Karrierist Ljowa ist ein Antiheld seiner Zeit und wird als solcher literaturgeschichtlich eingebettet. "Puschkin vergöttert er, in Lermontow erkennt er seine eigene Infantilität", heißt es über ihn, doch auch auf Dostojewski, Tolstoi, Tschernyschewski und Turgenew wird sich explizit bezogen, mal eher ironisch, mal eher ernsthaft, und angesichts der adeligen Herkunft Ljowas mag man vielleicht an die Herkunft der meisten dieser Herren denken. Dutzende weitere Autoren werden erwähnt, zitiert oder mit Anspielungen bedacht, vor allem russische des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Statt allein von zusammengetragenen Fakten und deren Beurteilung mittels objektiver Methoden sind Ljowas Aufsätze stark von persönlichen Erfahrungen und Emotionen geprägt. Umgekehrt ist der Roman trotz autobiografischer und anderer realistischer Elemente nicht nur ausgesprochen metafiktional, sondern auch von den schon angesprochenen literaturwissenschaftlichen Betrachtungen durchsetzt. Was auf dem ersten Blick wie eine Mischung aus traditioneller Erzählweise und Essayistik und auf dem zweiten postmodern daherkommt, lässt beim dritten Blick Originalität und Stilsicherheit erkennen. Die Sätze sind wie mit leichter Hand geschrieben ("Und so gießen wir diesen nichtexistierenden Äther in nicht erhaltene Großmutterfläschchen ..."). Als Stilmittel werden neben Ironie und Parodie häufig Übertreibungen und Anthropomorphismen verwendet, und rhetorisch stark ist vor allem der erste Teil des Werkes. Die in Russland in den 50er und 60er Jahren herrschenden Verhältnisse werden realistisch, aber sprachlich in prägnanten Bildern dargestellt.
Die die dennoch fiktionale Natur der Beschreibung herausstellenden Kommentare, das Hintertreiben von Emotionen auf der Rezipientenseite, die stellvertretenden Charaktere, das nicht-lineare Erzählen und die alternativen Handlungen erinnern nicht so sehr an Tristam Shandy und Eugen Onegin wie an das epische Theater, wo diese Elemente – ebenfalls gezielt die Illusion zerstörend – für Distanz zum Dargestellten und zu bewussterem Betrachten sorgen. Im Unterschied zum epischen Theater wird hier auktorial jedoch weder direkt gewertet noch zum Handeln aufgefordert. Gleichwohl lassen sich Sympathien und Antipathien des Erzählers erahnen, etwa wenn Albina und Blank mit noblen Zügen ausgestattet werden, während Mitischatjew, Faina und Ljubascha die eigenen Interessen weit weniger geniert vertreten, oder er den Großvater prophetisch anmutende Worte wie diese sagen lässt: "Das Beharrungsvermögen von Konsumtion und Vermehrung wird so massiv und groß sein, dass selbst, wer begreift, was vorgeht, höchstens den Moment des Fallens bewusst beobachten kann, den Augenblick, wenn die Lawine sich vom Bergkamm löst."
Obwohl es bei einigen Kommentaren zu wünschen wäre, Autor und Erzähler hätten sich mehr an der knappen Form von Onkel Mitja orientiert, ist Das Puschkinhaus in seinen Schilderungen menschlichen Verhaltens, seiner Intertextualität, Ästhetik und "Desorientierung" ein außerordentlich gelungenes Werk. Anzumerken bleibt an dieser Stelle noch, dass dieser in der Übersetzung von Rosemarie Tietze empfehlenswerte Roman derzeit in keinem deutschsprachigen Verlagsprogramm zu finden ist.
Vom Zusammenfügen von Träumen
Von Darius Amberger, 4. April 2018
Die Geschichte der Jugoslawienkriege wird bis heute in drei Versionen erzählt: in einer vornehmlich die Sicht katholischer Kroaten unterstützenden westlichen, in einer die Sicht orthodoxer Serben unterstützenden und in einer muslimischen. Der Serbe Milorad Pavić hielt zu Beginn jenes Krieges Teile Kroatiens, die mehrheitlich von Serben bewohnt wurden, für serbische Gebiete und klagte zugleich über eine in Europa seit Jahrhunderten währende Verdrängung der Kultur des östlichen Christentums infolge zunehmender Islamisierung.
Dieser in jenem Krieg nationalistische Positionen vertretende Autor vollendete sieben Jahre zuvor einen Lexikonroman, worin drei einander ebenbürtige Versionen der Geschichte des verschollenen Volkes der Chasaren enthalten sind: eine christliche, eine islamische und eine jüdische. Darüber hinaus gibt es das Buch als männliches und als weibliches Exemplar, wobei sich beide, von dieser Bezeichnung abgesehen, lediglich in einem Absatz unterscheiden. Aufgeteilt in ein Rotes, ein Grünes und ein Gelbes Buch, enthalten die durchschnittlich sechseinhalb Seiten langen lexikalischen Einträge vor allem Berichte und Erzählungen über das Chasarenreich und einige später damit beschäftigte Personen. Ein zentrales, von allen drei Büchern behandeltes Ereignis ist die "Chasarische Polemik" – ein Streitgespräch zwischen christlichen, jüdischen und muslimischen Gelehrten, das über die künftige Religion der Chasaren entscheiden sollte. Das letzte Wort in dieser Sache hat das Gelbe Buch und die dort beschriebene Annahme des Judentums entspricht den uns bekannten Fakten. Historisch überliefert ist ebenfalls, dass sowohl byzantinische als auch arabische Herrscher versuchten die religiös sehr toleranten Chasaren zur Annahme der eigenen Religion zu bewegen und dass Quellen beider Seiten von konvertierten Chasaren berichten. In Pavićs Lexikonroman werden die Missionserfolge jeweils übertrieben dargestellt.
In den einleitenden Anmerkungen heißt es, die Benutzung des Wörterbuches sei am erschöpflichsten, wenn man sich an die Dreierzahlen halte. Dies betreffe neben den diesen Büchern gemeinsamen Einträgen, die drei an der Polemik Beteiligten, die drei Chronisten, die drei Höllenfiguren und die jeweils drei Chasarologen des 17. und 20. Jahrhunderts. Drei ist auch die Anzahl der Seelen Samuel Koëns, den ein Eintrag einen der Autoren dieses Buches nennt. Während die Zwei polarisiert, steht die Drei für die Synthese.
In jenen Anmerkungen lesen wir außerdem, dieses Buch sei ein offenes Buch. Jeder könne es weiterschreiben, so wie es schon zuvor verschiedene Lexikographen gegeben habe. Das vorliegende Chasarische Wörterbuch sei eine Rekonstruktion eines nicht mehr zugänglichen 1691 von Daubmannus unter dem Titel Lexicon Cosri veröffentlichten Wörterbuches über die Chasaren, dessen Inhalt ein Mönch diktierte, der ihn wiederum aus auswendig gelernten griechischen, arabischen und hebräischen Glossaren habe. Ein Gegenstand des Buches ist zudem ein weiteres Chasarisches Wörterbuch, eine Chasarische Enzyklopädie mit den von Generation zu Generation vervollständigten Aufzeichnungen chasarischer Traumjäger. Letztere hatten das Ziel, alle Träume der Menschen "zum himmlischen Adam" zusammenzufügen, denn dieser "dachte auf die Weise, in der wir träumen".
Wenn hier von Personen die Rede ist, die sich gegenseitig träumen, von Menschenpaaren und Doppelgängern, von denen der eine wach wird, sobald der andere einschläft, erinnert dies an Tlön, Uqbar, Orbis Tertius und Die kreisförmigen Ruinen von Jorge Luis Borges, wenngleich dieser Faden bei Pavić noch viel weiter gesponnen wird. In der ersten dieser beiden Erzählungen schlägt Alfonso Reyes eine Reproduktion der fehlenden Bände einer Enzyklopädie des imaginären Planeten Tlön vor und der Erzähler erwähnt eine Enzyklopädie mit der Beschreibung eines falschen Landes. Eine diesbezügliche Hommage durch das Chasarische Wörterbuch ist offensichtlich, auch dann, wenn die Welt auf Tlön als eine rein zeitliche und nicht räumliche beschrieben wird und die Chasaren hingegen sich selbst die Zukunft nur im Raum vorstellen und niemals in der Zeit.
Ein weiterer Bezug – mit oder ohne Umweg über jenen blinden Bibliothekar – gilt der Kabbala, wobei im Gelben Buch das himmlische Alphabet und die Geschichte von Adam Kadmon mit der vom Golem verbunden wird. Auch anderes mutet inspiriert an, doch wurde dort das Vorbild trefflich umgestaltet. So gibt es in Herzmanovskys Erzählung Cavaliere Huscher oder von Ybs verhängnisvolle Meerfahrt in einem Hotel eine kleine Kiste, worin sich in einem Abgrund das Meer befindet. Der chasarische Tonkrug ist damit verwandt. Wer in ihn ein Steinchen wirft, kann bis siebzig zählen, bevor ein Aufklatschen zu hören ist, als sei etwas ins Wasser gefallen, und dazu wird eine Parabel erzählt. Eine ähnliche Verschiebung der realen Daseinsebene erlebt – ebenfalls im Gelben Buch – Samuel Koën im Haus der Frau Efrosinija, wo hinter den Säulchen einer Wand das ferne Meer nicht liegt, sondern aufrecht vor ihm steht, und auch diese Geschichte geht natürlich weiter. Von einer originellen Form der Zeitreise erfahren wir indes, wenn Akschani Jabir Ibn 1699 in Konstantinopel einige Augenblicke seinen Kopf in einen Zuber taucht, um seinen Zopf zu waschen, und sich nach dem Auftauchen vor dem Waschbecken eines Istanbuler Hotels des Jahres 1982 befindet.
Das Chasarische Wörterbuch ist eine Mischung aus Fiktivem und Authentischem. Kyrillos, der tatsächlich den Chasarenhof zu jener Zeit besuchte, spielt seine Rolle, und Isaac Sangari erhielt ebenso einen Eintrag wie der für sein Buch der Chasaren bekannte Jehuda Halevi und dessen Übersetzer Judah Tibbon sowie der arabische Chronist Al-Bakri. Ein Joannes Daubmannus war Mitte des 16. Jahrhunderts Drucker in Königsberg, und 1691 könnte ein Nachfolger unter seinem Namen noch dort tätig gewesen sein. Die Übergänge zwischen dem, was war, und dem, was aus der Luft gegriffen oder schlicht unmöglich ist, sind fließend, und beides wirkt gleichermaßen fabulös. Mit Ausnahme der Briefe von Dr. Dorothea Schulz ähnelt die Diktion in ihrer Leichtigkeit der eines mündlichen Erzählers. Dies ist eine Sprache, die zu ihrem Gegenstand passt.
Die Welt der Chasaren und ihrer Wörterbücher ist eine wunderliche. Zahlreicher als üblich sind die sprachlichen Geschlechter, die Sorten Salz auf einem Tisch und die Fliegen auf weißen Pferden, während andere Übertreibungen die Zeit, eine Fähigkeit oder andere Darstellungen betreffen. Gewohnte Richtungen und Reihenfolgen werden umgekehrt. Wir erleben Anthropomorphismen und Zoomorphismen in vielfältigen Varianten wie in den Parabeln mit den Affen und dem Puma, in deren Zentrum jeweils ein Gedanke steht, oder wenn es zu Kyrillos heißt: "Doch die slawische Sprache war derart wild, dass die Tinte sie nicht zu halten vermochte, und er formte daher ein zweites Alphabet mit gitterartigen Buchstaben, und darin sperrte er diese widerspenstige Sprache wie einen Vogel ein." Verkörperlicht werden Gefühle, Zeit, Tod, Seelen, Träume und andere Abstrakta, aber auch entfremdet und entkörperlicht wird hier mitunter. Körpermerkmale, die an Missbildung denken lassen, erleben wir als vorteilhafte Eigentümlichkeiten, und selbst Wandlungen wie die von den Menschen, die an einem Ort der chasarischen Residenz aneinander vorübergehen und dabei "wechselseitig Namen und Schicksal des anderen übernehmen und das Leben in getauschten Rollen fortsetzen, als hätten sie die Mützen getauscht", sind in solch einem Umfeld plausibel. Bildhafte Vergleiche sind allgegenwärtig in diesem Lexikonroman und Widersprüchliches ist eher Teil einer Regel als die Ausnahme.
Bei aufmerksamer Lektüre fällt auf, dass zwar alle Religionsvertreter seitens des Erzählers (oder der Erzähler) mit Sympathie behandelt werden, aber der serbische Chasarenforscher Dr. Isajlo Suk 1982 eine Hegemonie dreier Internationalen beklagt: der hebräischen, der islamischen und der katholischen. Die zur Chasarenzeit mit der römischen Kirche ebenbürtige Ostkirche hatte längst deutlich an Gewicht verloren, und in der Aussage Suks spiegelt sich, was Chasaren im 9. Jahrhundert empfunden haben mochten, als sie von christlich-orthodoxen und islamischen Mächten umgeben waren. "I am the last Byzantine", sagte Pavić 1998 in einem Interview mit Thanassis Lallas und es ist sicherlich kein Zufall, dass in diesem Wörterbuch Träume eine große Rolle spielen.
Prinzessin Ateh, die Schutzherrin der Traumjäger, hatte einst befohlen, die Grenzsteine solange zu tragen und in der Luft lassen, bis man entschieden habe, was mit dem eigenen Glauben geschehen solle. Wer hofft nicht, dass diese Praxis nicht wieder aufgenommen wird?
Pavićs deutscher Verlag hat seine Bücher schon vor geraumer Zeit aus dem Programm genommen, dagegen ist die englische Übersetzung des Chasarischen Wörterbuches nach wie vor lieferbar, und in Frankreich erschien jüngst eine neue Ausgabe. Letzteres gilt auch für Südkorea, um den hiesigen Verlagen ein weniger naheliegendes Beispiel zu nennen.
Auf den Winden des Höllenschlundes
Von Darius Amberger, 31. März 2018
In lockerem Ton, leicht an die barocke Sprache jener fernen Jahre angelehnt, schildert der Erzähler die Geschichte Ebenezer Cookes, eines naiven Helden, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts Hals über Kopf von einem Abenteuer – um nicht zu sagen Missgeschick – ins nächste stürzt. Die wechselhafte Handlung führt zu einer Vielfalt an Konstellationen, die, wenn auch überspitzt, oft Altbekanntem ähneln. Bei einschlägiger Belesenheit sind Bezüge auf Fieldings Tom Jones, Voltaires Candide, Smolletts The Adventures of Roderick Random und The Adventures of Peregrine Pickle, Defoes Moll Flanders und Robinson Crusoe und Sternes Tristram Shandy erkennbar, um nur die naheliegendsten zu nennen. Auch der weniger bekannte Captain John Smith und Teile seiner Generall Historie of Virginia, New-England, and the Summer Isles sowie die darauf basierende Literatur werden ins Geschehen eingeflochten.
Anhand letzterer Geschichte lässt sich ermessen, worum es den Autor mit den Bezügen gehen mag: Während bei John Smith von einer Liebesbeziehung zwischen ihm und Pocahontas nirgendwo die Rede war, wurde zweihundert Jahre später mit den Büchern von John Davis eine Romanze zwischen ihnen zum Teil der Pocahontas-Legende. Bei Barth wird in einem von Ebenezer Cooke gelesenen Journal die Geschichte recht unromantisch weiter sexualisiert, was im Kontext des Romans als Satire auf die Legendenbildung verstanden werden kann.
Die meisten der genannten Vorlagen sind jedoch selber schon Satiren, die bei Barth ihrerseits noch einmal überzeichnet werden. Diese Satiren werden somit parodiert, beginnend mit The Sot-Weed Factor, einer Anfang des 18. Jahrhunderts erschienenen Satire von Ebenezer Cooke. Ein Vierteljahrtausend danach übernimmt John Barth Name und Motive jener Dichtung und macht Ebenezer Cooke zur Hauptfigur eines Romans, in dessen Nachbemerkung jede Ähnlichkeit der auftretenden Gestalten mit lebenden oder verstorbenen Personen als rein zufällig bezeichnet wird.
Barths Der Tabakhändler ist die Geschichte eines jungen Mannes, der von London nach Maryland reist, um sein väterliches Erbe anzutreten und eine Marylandiade zu schreiben, und es ist eine Geschichte von Wandlungen und Anverwandlungen: die Übernahme der Identität der Hauptfigur durch andere, die Namens- und Rollenwechsel des ehemaligen Cookeschen Hauslehrers Henry Burlingame und weiterer Figuren, die Wandlungen von Maryland und der vom Vater geerbten Plantage Malden sowie die Umgestaltung von Motiven der erwähnten literarischen Vorgänger. Im Verlauf der Überfahrt und später im "auf die schwarzen, unermesslichen Winde des Höllenschlundes gebauten Maryland" trifft Ebenezer ein halbes Dutzend ihm bereits in London nahestehender Personen wieder und an verschiedenen Orten entpuppen sich neue Bekannte als alte, obwohl man sich bei seiner Einfalt nicht immer sicher sein kann. Was Ebenezer sieht und erfährt, wird wiederholt in Zweifel gezogen, auch wenn dessen eigene Irritation allenfalls von kurzer Dauer ist, zu sehr ist er auf sein Dasein als Poet fixiert, zu leichtgläubig ist er seinem Wesen nach. Die Desillusionierung folgt erst spät, und statt das geplante Loblied fortzusetzen, beginnt er Maryland in hudibrastischen Versen zu geißeln.
Wenn Ebenezer über das Gedächtnis sagt, "es ist der Faden, der alle Perlen zu einem Halsband verknüpft oder – wie der Faden, den Ariadne dem undankbaren Theseus gab – mir meinen Pfad durch das Labyrinth des Lebens weist, mich mit meinem Ausgangspunkt verbindet", lässt sich dies ebenso wie die Skepsis Burlingames auch auf schriftlich Überliefertes beziehen. Ebenezer Cooke ist über weite Strecken die Unschuld in Person, in mehrfacher Bedeutung.
Die im Roman bevorzugten Sprachfiguren sind die Personifikation, die Metapher, die Übertreibung und der Vergleich – Stilmittel, die hier häufig nonchalant und originell verwendet werden: "Was meine Jungfernschaft betrifft, so ist sie für mich nur wie ein Champagnerkorken, der knallen muss, eh das Vergnügen losgeht." Erotik und sexuelle Gewalt sind wiederkehrende Sujets und kommen ähnlich exzessiv ins Spiel wie Darmausscheidungen. Letztere setzte einst Rabelais satirisch gegen die päpstliche Kirche ein; bei Barth hingegen dienen diese Elemente sowohl dem Nihilismus als auch der Unterhaltung, wobei der Humor entsprechend dunkel ist.
In den Dialogen des amerikanischen Originals wird ein partiell veraltetes und daher den Lesefluss bremsendes Englisch gesprochen. So sagt beispielsweise Ebenezer über die Größe eines Fürsten "Nay, I say 'tis not in the deeds his greatness lies, but in their telling", wohingegen Susanna Rademacher in ihrer deutschen Übersetzung solche Besonderheiten herausgebügelt hat. Anderswo war schlicht kein deutsches Wort zu finden, wie schon im ersten Absatz, als aus einem "rangy, gangling flitch" ein "langer, schlaksiger Jüngling" und aus "with Joves and Jupiters" "von Zeusen und Jupitern" wurde. In diesem Roman, wo Wortspiele nicht selten sind, dürften derartige bei Übersetzungen kaum vermeidbare Verluste nicht unerheblich sein, doch tut dies der Virtuosität im Ganzen keinen Abbruch.
Die Identitäten der Figuren in Der Tabakhändler sind vor allem literarische und sie erscheinen oftmals als Varianten. Die Gesichter Ebenezers und seiner Zwillingsschwester Anna werden – in diesem Fall auch naheliegend – als Abwandlungen ein und desselben Gesichtes beschrieben, sie als Schönheit und er als glotzäugige Vogelscheuche, "so wie ein gescheiter Schriftsteller mittels kleiner Verschiebungen einen schönen Stil parodiert". Parodie und Parodiertes lieben hier einander.
"Der Dichter braucht sich überhaupt nicht um Erklärungen zu bemühen: die Menschen glauben, er hätte den Schlüssel zur Schlafkammer der Dame Wahrheit und lächelte über die Gelehrten, die im Hof Leitern an ihr Fenster stellen. Höflichkeit und Vernunft, wie Ihr sie predigt, sind des Dichters schlimmste Feinde; er muss die Damen in den Busen kneifen und die Schulmeister am Bart ziehen." Dies sagt der vormalige Diener Bertrand an Bord der Poseidon, nachdem er Ebenezers Rolle übernahm. Auf der Suche nach dem Inhalt jener Kammer wünsche ich dem Leser viel Vergnügen.
Mit der Kraft seines Willens
Von Darius Amberger, 27. März 2018
In der christlichen Ikonographie ist die Maske ein Symbol des Bösen und der Lüge. Deshalb die Teufelsmaske, und da seit Augustinus das Böse als Mangel an Gutem, als etwas ohne eigene Substanz verstanden wurde, war die Maske beim Teufel selbst – welche Gestalt dieser auch annehmen mochte – jederzeit leer.
Das Wesen, um das es im vorliegenden Roman geht, ist ein tugendhafter Ritter namens Agiluf, der redet, sich bewegt und eine Rüstung trägt. Diese Rüstung aber ist leer, als wären jene Tugenden ebenso substanzlos wie anderswo das Böse. Doch im Gegensatz zum Teufel hat Agiluf niemals rebelliert. Er glaubt an die heilige Sache. Jedes Gesetz, jedes Reglement, jedes Zeremoniell, selbst den unsinnigsten Befehl befolgt er bis ins Kleinste. Naturgemäß fehlt es ihm an Wärme, und die anderen Personen – mit Ausnahme des Bluträchers Rambald und der Amazone Bradamante – meiden ihn. Sogar der Kaiser macht sich lustig über diesen Ritter, der mit der Kraft seines Willens seinen Dienst verrichtet und der nicht mehr als eben dieser Wille ist, einen Mann, der überhaupt erst entstand, weil ein verflüchtigter, von anderen nicht genutzter Wille sich an einem Punkt zusammenballte. Dass ein aus reinem Willen bestehender Ritter genauso ohne Schlaf auskommt wie der für das Böse stehende Teufel, ist nur konsequent.
Agiluf repräsentiert nicht den typischen, Anfang des 9. Jahrhunderts lebenden Ritter. Das gesamte Personaltableau nimmt Bezug sowohl auf die klassischen Ritterromane als auch auf deren ironische und parodistische Nachfolger, und die Authentizität der Erzählung wird wiederholt infrage gestellt, etwa wenn der Ritter Torrismund erklärt: "Fahnen, Dienstgrade, Zeremonien, Namen . . . eine ganze Parade. Die Schilde mit den Wappen und Wahlsprüchen der Paladine sind nicht aus Eisen: Sie sind aus Pappe, und du kannst von der einen zur anderen Seite den Finger durchstecken." Sie sind nicht nur aus Pappe, sie sind aus Papier, "solo carta" ist im italienischen Original zu lesen und nicht "cartone". Anders als sein britischer Kollege mit "they're just paper" hat sich der deutsche Übersetzer Oswalt von Nostitz hier für eine nicht unerheblich Änderung entschieden.
Anachronismen wie "Papier" bzw. "Pappe" im damaligen Europa sind gleichfalls ein Beitrag zur Hinterfragung der Glaubwürdigkeit, und bemerkenswert ist, dass selbst Theodora "alte Papiere" als eine ihrer Quellen nennt.
Der historische Hintergrund mit den Heeren Karls des Großen und der Sarazenen entspricht dem im Rasenden Roland, wo auch eine kriegerische Bradamante eine Rolle spielte, und der mit geistiger Kraft idealistischen Tugenden folgende Agiluf erinnert stark an Don Quijote. Zwar hat Agilufs Knappe vor lauter Bodenständigkeit die eigene Identität verloren, doch als groteskes Duo stecken sie nicht zurück. Der Name Rambald hingegen – bzw. Rambaldo im italienischen Original – könnte dem italienisierten Namen des Troubadours Raimbaut d'Aurenga entliehen sein und der Name der vermeintlichen Mutter des Engländers Torrismund von der christlichen Jungfrau Sofronia in Tossos Das befreite Jerusalem, worin mit der Kriegerin Clorinda ebenfalls ein Abkömmling der Bradamante des Rasenden Rolands zu finden ist.
Losgelöst vom sonstigen historischen Geschehen sind Gralsritter "wie Halbentschlummerte" mit frommer Andacht beschäftigt, wenn sie nicht raubend und brandschatzend durch umliegende Dörfer ziehen. Im Kontrast zum unsichtbaren Ritter haben sie und ihr mumiengleicher König jeden eigenen Willen verloren. Es ist der Gral und dessen heiliger Zorn, der ihre Schwerter führt.
Erzählt wird die Geschichte – deren Handlung ich wiederzugeben meide – von der bereits erwähnten Ordensschwester Theodora. Ihr Ton ist locker und von fast märchenhafter Einfachheit, die Worte auf das Wesentliche konzentriert. Bewusst ironisch wird sie nur, wenn sie über sich und ihre Situation beim Schreiben Auskunft gibt: "Abgesehen von den religiösen Pflichten, den Triduen und Novenen, von Feldarbeiten, vom Dreschen, von Weinlesen, Stäupen der Knechte, Blutschande, Feuersbrünsten, Exekutionen am Galgen, Einbrüchen fremder Heere, Plünderungen, Vergewaltigungen, Pestilenzen haben wir nie etwas erlebt."
Als Grundlage dienen ihr Klatschgeschichten, Zeugnisse von Leuten, die dabei gewesen sind, und was sie nicht weiß, so schreibt sie, versuche sie sich vorzustellen. Eine Überraschung dazu hält die Ordensschwester auch parat und damit ist nicht ihre vertrauliche Anrede des Buches gemeint. Als Chronistin ist sie lernfähig, aber nicht perfekt:
"Jetzt zeichne ich hier im Meer die Feluke. Ich mache sie etwas größer als das erste Schiff, damit es nicht wieder zu einer Katastrophe kommt, selbst wenn man einem Walfisch begegnen sollte. Mit dieser gekrümmten Linie trage ich die Route des Schiffes ein, das ich bis zum Hafen von Saint-Malo führen möchte. Leider Gottes ist nur hier, auf der Höhe des Golfes von Biskaya, ein solches Gewirr sich überschneidender Linien, dass ich die Feluke lieber etwas weiter oben, erst hier und dann dort, fahren lasse, und da – der Teufel soll's holen! – läuft sie doch tatsächlich auf die Riffe der bretonischen Küste auf!"
Neben der Wiedergabe von Realität durch Literatur werden im Roman auf vielfältige Weise Fragen der Identität thematisiert. Über Agiluf, den unsichtbaren Ritter, und Gurdulú, der sich einbildet, jeweils das zu sein, was er gerade sieht, stellt der Kaiser einmal fest: "Dieser mein Untertan ist, bringt es aber nicht fertig dazusein, aber dieser mein Paladin bringt es fertig dazusein, aber dafür ist er nicht." Beide haben ein Identitätsproblem und beide ergänzen sich, weshalb der Kaiser den einen zum Knappen des anderen macht. Zudem ist Gurdulú an jedem Ort, an dem er auftaucht, unter einem anderen Namen bekannt. Abgesehen von seinem grundsätzlichen Defizit muss sich Agiluf schon bald um die Legitimität seines Titels sorgen ("Mein Name ist das Ziel meiner Reise."), während Torrismund die Frage der eigenen Abstammung zu klären sucht. Und dann sind da noch die Gralsritter, von denen der Gral Besitz ergreift.
Die handelnden Personen werden dargestellt als das, was sie sind: als literarische Figuren. Sie bleiben auf Distanz und lassen sich eher analytisch als emotional betrachten. Das häufigste Gefühl beim Lesen ist eines der Erheiterung. Physiognomien werden kaum beschrieben. Die Plastizität der Akteure ist die ihrer Rolle und des jeweiligen Kostüms und dennoch wirken sie – abgesehen von den Rittern des Heiligen Grals – erstaunlich lebendig.
John Barth nannte Calvino "a Borges con molto brio: lighter-spirited than the great Argentine, often downright funny (as Sr. Borges almost never is), yet comparably virtuosic in form and language," und dieser parodistische Roman, der zur Trilogie Unsere Vorfahren gehört, ist sicher einer, den der Argentinier nie hätte schreiben können.
Philip Roth: Sabbaths Theater
Die Rolle des schmutzigen alten Mannes
Von
Darius Amberger , 24. März 2018
Ich gebe zu, dass ich nicht wenige Bücher allein deshalb nie in meine Hände nehme, weil mir der Einband missfällt. Bei
Sabbaths Theater stehen mehrere zur Auswahl und die passablen sind neben denen der amerikanischen Erstausgabe die, die dieser ähneln, und auf denen ein Ausschnitt eines
Matrose und Mädchen -Bildes von Otto Dix zu sehen ist.
Bissige Überspitzungen, hervorbrechende Farben, ein kritischer expressiver Realismus, das Widerwärtige mit ästhetischem Reiz und doch als eine Mahnung – dies waren Markenzeichen jenes Malers. Er vulgarisierte. Er provozierte. Er polarisierte. Kunstpapst Meier-Graefe fand sein Hauptwerk
Der Schützengraben zum Kotzen. Das war 1924. Gut siebzig Jahre später erschien mit dem oben erwähnten Coverbild ein Roman, den die einen in höchsten Tönen lobten und andere . . . nein, zum Kotzen nannten sie ihn nicht, dafür hieß es über ihn, er sei "dull and offensive" mit "not a shred of originality" (Jonathan Yardley, Washington Post), "sour, nasty, lugubrious, distasteful and disingenuous" (Michiko Kakutani, NYT) und "inhaltlich seltsam antiquiert, formal erstaunlich missraten" (Denis Scheck, Focus).
Besessenheit ist ein nicht seltenes Sujet, sei es die eines Spielers, eines Sammlers, eines Künstlers, eines Forschers oder eines Sportlers, und auch die Sexbesessenen haben in dieser Reihe längst reichlich Platz gefunden. Anders als in Klassikern von Bataille, Miller und Réage stehen in
Sabbaths Theater sexuelle Obsessionen und ihre fatale Folgen für die Hauptfigur beinahe gleichgewichtig gegenüber – ein Thema, das drei Jahre später auch Michel Houellebecq in
Elementarteilchen aufgreifen wird.
Für Mickey Sabbath gehört zu jenen Folgen im Laufe seines Lebens eine Verhaftung mit nachfolgendem Prozess, der Verlust seiner Stelle an einem Kunst-College, der Alkoholismus seiner Frau Roseanna sowie deren Entfremdung und vermutlich ebenso das spurlose Verschwinden seiner ersten Ehefrau Nikki, deren größte Stärke für ihn das Nachgeben war. Während der Leser Zeuge eines selbstzerstörerischen Prozesses wird, ist Sabbaths Augenmerk primär auf seine sexuelle Begierde gerichtet. Diese füllt sein Leben aus und somit große Teile des Romans. Im Grunde kann jeder Leser für sich selbst entscheiden, welches Geschehen er wie hoch gewichtet. Seitens des Erzählers wird nicht moralisiert. Eine klare Haltung diesbezüglich ist bei ihm nicht erkennbar. Stattdessen lässt er Sabbath und seine Geschichte sprechen.
Wie bereits zitiert, hat Denis Scheck den Roman formal erstaunlich missraten genannt. Er schrieb: "Trotz aller gelegentlich aufblitzenden Virtuosität will der Wechsel zwischen innerem Monolog und einem Erzählen in der dritten Person nicht gelingen." Ich las
Sabbaths Theater als personale Er-Erzählung, bei der das Geschehen aus Sicht der Hauptfigur betrachtet wird. Der Leser ist mal mehr und mal weniger nah an Sabbath dran, doch ein gewisser Abstand wird nie ganz verschwinden.
Sabbath ist ein sexgetriebener Egomane. Selbst mit vierundsechzig, äußerlich verwahrlost und von Arthritis gezeichnet, sind sein Handeln und seine Reflexionen entsprechend ausgerichtet. Daneben werden in den Erinnerungen lediglich der eigenen Kindheit am Atlantik – wo man "mit den Zehen fühlen konnte, wo Amerika anfing" – bedeutsame Räume voller realistischer Details gewährt. Er vermag rhetorisch zu "bestechen", und für den ehemaliger Puppenspieler und Theaterregisseur ist Theatralik zu einem Teil seines Wesens geworden, eine Theatralik, die auch vom Erzähler oft verwendet wird, beginnend mit dem Ultimatum Drenkas in der Eröffnungsszene.
Sabbaths Rhetorik brilliert, obwohl sich diese auf wenige Stilmittel beschränkt. Neben der Hyperbel fällt ein Faible für eine zumindest scheinbar gegenteilige Logik auf, bis hin zum letzten Absatz des Romans. Auch liebt er provokante Vergleiche. Zu Ironie greift er nur vereinzelt. Sein Witz und seine Augen sind – wie der Erzähler schreibt – sardonisch. Seine Gesinnung ist die eines Zynikers, einer, der ungewöhnlich vital und leichtfüßig wirkt, besonders in den Dialogen. Als Beispiel Auszüge aus einem Gespräch mit Madeline, Patientin in einer Entzugsklinik, in der er seine Frau besucht, mit anschließendem Wechsel in den inneren Monolog:
"'Aha. Das ist also ein
Flirt . Ich hab's fast gedacht, konnte es aber nicht glauben. Haben beschädigte Frauen einen besonderen Reiz für Sie?'
'Ich wusste gar nicht, dass es auch andere gibt.'
[...]
'Ich habe noch nie mit einem Mädchen geschlafen, das versucht hat, sich umzubringen."
'Dann schlafen Sie mit Ihrer Frau.'
'Das wäre leicht daneben.'
Jetzt klang ihr Lächeln geradezu verschlagen, welch reizende Überraschung."
Generell fällt auf, dass die wichtigsten Nebenfiguren Sabbath rhetorisch durchaus gewachsen sind, selbst seine als anonyme Alkoholikerin verspottete Frau Roseanna, als er sie fragt:
"Was ist bloß aus der Roseanna Cavanaugh geworden, die noch selbständig denken konnte?"
"Ach die? Die hat Mickey Sabbath geheiratet. Damit war die Sache erledigt."
Dem Egomanen Sabbath steht zudem bisweilen ein anderer Sabbath gegenüber, etwa wenn er reflektiert: "Sabbath findet seinen Meister: das Leben. Die Puppe bist
du selbst . Der alberne Hanswurst bist
du selbst .
Du bist der Kasper, der Trampel, die Puppe, die Tabus zum Spielzeug hat!"
Was uns in
Sabbaths Theater präsentiert wird, ist kein schmutziger alter Mann, sondern die Rolle eines schmutzigen alten Mannes, und wie in jedem guten Theater, ist das Entscheidende das darstellerische Wie. Um eben diese Form geht es in jeder Kunst und wer an solcher interessiert ist, dem sei versichert: Sowohl Sabbath als auch der Erzähler und der Autor dieses Buches sind darin große Meister.
Mit Mickey Sabbath wurde ein famoser Charakter geschaffen, und Leser, die mit Philip Roth vertraut sind, werden sich fragen, wieviel vom Autor darin steckt. Parallelen biografischer Natur lassen sich nicht bestreiten, doch entscheidend ist hier ebenfalls die Form. Auf dem ausschnittsweise im besagten Coverbild verwendeten Gemälde trägt das abstoßend dargestellte Mädchen das Tattoo eines Ankers auf der Brust, und Otto Dix sandte 1920 an Behrens-Hageler eine Postkarte mit einem Foto, auf dem derselbe Anker auf dem Rücken seiner linken Hand zu sehen ist. Dieses Foto existiert auch unbearbeitet, ohne jenen Anker auf der Hand und ohne Schmuck am Ohr des Malers.
Der Western als Fata Morgana
Von Darius Amberger, 19. März 2018
Coovers Anfänge als Autor hängen mit seiner intensiven Beschäftigung mit dem Werk Becketts im Sommer 1957 zusammen und noch achtundfünfzig Jahre später nannte er den Iren seinen "primary inspirer". So wie die Werke des Letzteren nicht zuletzt von Alltagssprache handeln, befasst sich Coover in seinen Romanen und Novellen mit Literatur und deren Strukturen. Konventionelle Erzählweisen werden von ihm parodiert. 1986 wählte er als Gegenstand den Kriminalroman (Gerald's Party), 1991 und 1996 die Gattung des Märchens (Pinocchio in Venice und Briar Rose) und 1998 . . .
"Bleak horizon under a glazed sky, flat desert, clumps of sage, scrub, distant butte, lone rider."
So beginnt ein Western, nur geht es nachfolgend weder um die Expansion nach Westen, noch liegt es in der Hand des Reiters, ob er ein Ziel erreicht. Die Stadt, auf die er zureitet, weicht ihm aus – "His goal is more like the memory of a goal" –, überholt ihn von hinten und wälzt sich schließlich unter die Kufen seines Pferdes. Die für das Genre typische einsame Kleinstadt ist von mehr als dem üblichen Staub bedeckt, die Häuser verschieben sich "like wagers on a faro table", und während traditionsgerecht das Gute und das Böse aufeinandertreffen müssten, wird hier eine Polarisierung durch die Rollenwechsel jenes Helden ausgehöhlt. Die "kid" genannte Figur – "Won't ever be anything else" – erinnert an Coovers 1972 uraufgeführten und sich auf Billy the Kid beziehenden Einakter The Kid, worin ein Sheriff seine Rolle tauschen muss, und an die ebenfalls als "kid" bezeichnete namenlose Hauptfigur in Cormac McCarthys Blood Meridian (1985), doch trägt in Ghost Town niemand einen Namen, bis hin zum Pferd des Jungen: „Ifn he does, he never tole it to me.“
Auch das Innenleben der Figuren wird vernachlässigt, stattdessen ist die Verfremdung allgegenwärtig, kein Archetyp, kein Requisit und kein Klischee des Genres wird verschont: der einsame Cowboy in der Wüste, Pferde, Siedler, Rinder, die Symbolgestalt des Sheriffs, der Galgen, Schlägereien, Schießereien, die Schwingtür des Saloons, der Klavierspieler, die Salonsängerin, die Schullehrerin, Goldgräber, Indianer, messerstechende Mestizen, Banditen, Alkohol, Schändung, Skalps, Lynchjustiz, ein Zugüberfall, ein Schlangenbiss . . . Die wechselnde Handlung ähnelt altbekannten Mustern, die bei Coover allesamt gebrochen werden, etwa wenn der Held mit einer Bande Outlaws einem Zug auflauert, sich mit seiner schwarzen Stute auf das Gleisbett stellt, um den Weg des Zuges zu blockieren und "also to nail the skittery rails in place", aber der Zug über ihn hinwegdonnert und wieder verschwindet, derweil er noch immer auf dem Gleisbett steht. Die Parodie wird derart auf die Spitze getrieben, dass kein Plot den Leser einzuwickeln, keine der Figuren seine Empathie zu wecken sucht. Gerade weil sie maßlos übertrieben werden, bleiben die handelnden Personen uns physisch fern. Wir sehen nicht den Menschen, wir sehen nur das überhöhte Bild und haben keine Chance zu glauben, dass es diese Menschen wirklich gab. Aber nicht allein diese Stadt in der Wüste und ihre Bewohner lassen an ein Trugbild denken. Die ganze Welt des Westerns erscheint als Fata Morgana, deren Variationen der Held durchlebt, in einer ausweglosen Schleife, deren Ende der Anfang sein könnte.
Als "characters who are not characters", wie Coover einmal Becketts Figuren nannte, könnte man auch seine eigenen bezeichnen. Während bei Beckett die Archetypen des Reisenden und Untätigen universale sind, beschränkt sich Coover hier auf das Genre Western. Allein sein Held erreicht Beckettsche Dimensionen, wenn er sagt, dass er keine Angehörigen habe, von nirgendwo komme, nur auf der Durchreise sei und "aint tryin t'git nowhars". Seine Grundhaltung ist apathisch ("He doesn't expect to come to the end of the world out here, but he doesn't expect not to.") und die Welt, in der er sich bewegt, ist die eines absurden Traums. Sie ist zeitlos und irreal. Sie ist "more like no place". "Yu'll never git thar, kid", wurde ihm vorausgesagt.
Die Sprache des Erzählers ist – wie die des erwähnten Inspirators – karg, auf ein Minimum beschränkt, und in den Dialogen kommt ein ausgeprägter Slang hinzu: "Mebbe these're jest more false tracks thet goldang train has laid down t'throw us offn its trail."
Zu den rhetorischen Kniffen gehören neben einer herkömmlichen Verwendung des Wie-Vergleichs die Übertreibung ("He is leathery and sunburnt and old as the hills. Yet just a kid. Won't ever be anything else."), die Belebung anorganischer Objekte wie Schienen oder einer Stadt ("He realizes that the town is leaving him and taking the day with it. The claim office, the jailhouse ruins, and steepled church are already some distance off, their long shadows darkening the desert. [...] The saloon is the last to go, as though overseeing the general retreat, and when it, too, is some distance away, the lace curtain in the upstairs window flutters briefly as though waving goodbye.") und, wenn auch nur vereinzelt, eine an Lewis Carroll erinnernde Entkörperlichung: "He removes his spurs so they will not betray him, and then, leaving his voice behind, rises silently from the chair so slip around behind the dealer."
"Terrortory", ein vorgeblich dem Slang geschuldetes Kofferwort wird mehrmals verwendet, unter anderem von einem alter Mann, der skalpiert, mit abgeschnittenem Arm und durchbohrt von sechzehn Kugeln, darauf verweist, wie wenig dort Worte zählen ("It's doin does the talking out here in the Terrortory, it's writ in the laws sumwhars"), und anschließend vom Bühnencharakter des Ganzen spricht: "It feels like the real McCoy but it feels like nuthin, too. [...] thet's jest whut it is, see, a stage".
Diese Bühne besteht seit anderthalb Jahrhunderten. Sie wurde durch Worte geschaffen und später durch Bilder aufgebessert.
Parodiert wird hier nicht der Wilde Westen, sondern das nach ihm benannte Genre. Bei Coover verschwindet jegliche Romantik aus den Bildern, und die damit verbundene Vorstellung vom Western wird abserviert. Schwer zu sagen, ob dies für Coover nur ein Spiel ist oder grundsätzliche Kritik dahintersteckt, aber die Wirkung ist eigentümlich subversiv.
Zu Tränen wird der Leser nicht gerührt. Dem Kunstvollen, dem nicht-trivialen ästhetischen Genuss lässt der Autor nichts im Wege stehen.
Der Tanz des Kriegers
Von Darius Amberger, 14. März 2018
Dieser 1985 erschienene fünfte Roman McCarthys war sein erster Western, und um das Besondere an ihm aufzuzeigen, ist ein Vergleich mit Roa Bastos' elf Jahre zuvor veröffentlichten Yo, el Supremo hilfreicher als ein Vergleich mit traditionellen Vertretern des Westerngenres.
McCarthys Richter Holden und die Glanton-Gang sind an gleichnamige Vorgänger angelehnt, die in derselben Gegend und zur selben Zeit, in welcher der Roman spielt, als Skalpjäger umherzogen, und auch Roa Bastos hat sich an einem historischen Vorbild orientiert: an Rodríguez de Francia, der Paraguay in den ersten zweieinhalb Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit regierte. Sowohl der Richter als auch der Diktator sind außerordentlich gebildet; Letzterer sieht sich Fortschritt und Aufklärung verpflichtet und der als Outlaw umherziehende Richter ist Nietzscheaner. Beide werden wie mythische Gestalten dargestellt, beide haben abgründige Tiefe und bei beiden vertraut der Erzähler auf den mündigen Leser. Doch völlig anders als beim reflektierenden, von Selbstzweifeln geplagten Diktator wird beim Richter und den anderen Figuren der Abendröte das Psychologische weitgehend ausgespart. Trotz extremer Gräuel wird hier dem Leser kein Erklärungsmuster mitgegeben. Hier wird nichts entschuldigt. Während der Charakter des Diktators zunehmend komplexer erscheint, hat sich der Erzähler der Abendröte bei seinen Figuren auf Elementares und dessen ästhetische Wirkung beschränkt. Der Richter wird uns als Ereignis, als Erlebnis vermittelt, ein Zwei-Meter-Mann, "kahl wie ein Stein", erhaben wie eine Naturgewalt. Trotz intellektuellem Schnauzbart.
Der Roman folgt dem Lebensweg eines namenlosen Jungen, der 1849 mit sechzehn Jahren erstmals dem Richter begegnet. Dieser hatte gerade einen ihm völlig unbekannten Prediger beschuldigt, ein Hochstapler, flüchtiger Straftäter, Schänder eines elfjährigen Mädchens und Sodomit zu sein, worüber anschließend an der Bar wie über einen guten Scherz gelacht wird, und es ist eben diese Haltung, die konsequent den Verlauf der nachfolgenden Geschichte bestimmt, bis zum letzten Absatz, wo der Richter als "aller Liebling" tanzt. Der Junge, bereits zu Beginn mit einem "Hang zu sinnloser Gewalt" beschrieben, wird erst angesichts zunehmender Grausamkeiten gelegentlich ein anderes Verhalten zeigen.
Ein weltanschaulicher Opponent des Richters innerhalb der Gang, zu welcher der Junge stoßen wird, ist Tobin, ein ehemaliger jesuitischer Novize, der noch immer an die Stimme Gottes glaubt: "Wenn sie verstummt, sagte Tobin, dann merkst du, dass du sie schon dein ganzes Leben gehört hast." Doch auch seine Gedanken drehen sich meist um den Richter, der "einfach alles kann" und dessen Reden und Gebaren an Nietzsches antichristlichen Zarathustra erinnern, etwa bei seinem Lob des Krieges. Allein Zarathustra hatte noch ein Ziel: die Schaffung des Übermenschen. Für Richter Holden hingegen, der Züge dieses Übermenschen trägt, ist Krieg das höchste Spiel, denn Krieg stifte letztendlich die Einheit des Lebens. Diese "Einheit des Lebens" könnte sich auf das Sein und Nichtsein im Dao beziehen, nur dass der höchste Seinszustand des Richters keiner der Schöpfung, sondern des Krieges ist.
Exzessive Gewaltszenen prägen die gesamte Handlung des Romans und da der Erzähler auf jegliche Wertung verzichtet, trifft diese Gewalt den Leser direkt, ohne die übliche moralische Vermittlung. Die Wirkung, die daraus entsteht, wird verstärkt und zugleich seltsam gemildert durch die Ästhetik einer alttestamentarisch anmutenden Sprache. Die des Erzählers ist bildhaft, aber sachlich, eng an der Handlung orientiert und selten zur Übertreibung neigend. In den Dialogen fällt die Eloquenz des Richters auf. Rhetorisches Schmuckwerk wird von ihm anfangs sparsam, später aber konzentriert verwendet. Immer wieder ähnelt seine Ausdrucksweise der des originären Schnauzbarts: Mal apodiktisch-kraftvoll, mal gedanklich verquollen, etwa wenn er sagt, alle Spiele neigten zum Krieg, denn erst da werde alles vom Einsatz verschlungen, das Spiel und der Spieler, und wenn der Einsatz dort das Leben dieses Spielers ist.
Fast alle anderen Figuren dieser Männerwelt sind wortkarg wie klassische Westernhelden. Ausnahmen sind Tobin und ein ehemaliger Sklavenhändler, der verwahrlost im Grasland lebt. "Man schafft’s nie hinter die eignen Gedanken zu kommen, denn die sind’s ja grad, die man dazu braucht", sagt er zu dem Jungen – ein Satz, der nicht recht zu jenem Alten passt und der Wittgensteins "die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt" und Apels "Unhintergehbarkeit der Sprache" ins Gedächtnis ruft und zu allererst natürlich Nietzsche. Diesem wird im Englischen der Ausdruck "prisonhouse of language" zugeschrieben, dem eine weniger griffige Originalnotiz zugrunde liegt.
Abgesehen von Landschaften wird in diesem Western nichts romantisiert, niemand steht hier für das Gute, und nicht zuletzt durch seine historische Fundierung läuft dieser Roman auf eine Revision eines amerikanischen Mythos hinaus. Aber selbst, wenn man ihn als Anti-Western liest, ragt die Figur des Richters aus dieser Geschichte heraus. Im seinem letzten Gespräch mit dem zum Mann gewordenen Jungen spricht der Richter vom Tod als einer höheren Macht, die den Tanz orchestriere und jedem seine Rolle zuweise. In seinen Worten verdichten sich die biblischen Bezüge. Er redet von schlafenden Göttern der Rache und des Erbarmens, womit er wahrscheinlich zum einen den Gott des Alten und zum anderen den des Neuen Testamentes meint, und er artikuliert seine Nähe zu einem anderen Rächer, zu jenem, der nach dem eigenen Höllensturz die ersten Menschen zum Kosten vom Baum der Erkenntnis verführte, worauf Gott ihnen unter anderem die Sterblichkeit bestimmte: "Nur wer sich dem Blut des Krieges vollständig ergibt, wer am Boden der Hölle gelegen, das Grauen ringsum gesehen und schließlich begriffen hat, dass dies alles zutiefst seine Seele anspricht, nur der kann wirklich tanzen."
Vom Richter, der zuvor seinen Anspruch auf Erkenntnis betont und sich zuweilen in der Wüste wie ein Botaniker und Paläontologe betätigt, heißt es am Ende, dass sein Äußeres nach neunundzwanzig Jahren unverändert sei, er nie schlafe und sage, dass er niemals sterben werde.
Im Lauf der Schalmei
Von Darius Amberger , 10. März 2018
Man stelle sich einen deutschen Bundeskanzler vor, der sein Amt allein einer augenfälligen Übereinstimmung mit einem Automobil verdankt, oder einen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, für den die Wähler votierten, weil sie in ihm das Ebenbild einer Ente namens Dagobert erkannten. Im Reich der Tarocke wird in ähnlicher Weise verfahren, denn jährlich werden dort vier Personen zu Königen gewählt, die den Königen des Tarockspiels optisch am nächsten kommen. 1929 beendete Herzmanovsky-Orlando Das Maskenspiel der Genien , worin jenes Reich beschrieben wird. Der Roman ist der letzte seiner Österreichischen Trilogie und die Veröffentlichung im Original erfolgte erst sechzig Jahre nach der Niederschrift. Die vergebliche Suche nach einem Verleger könnte ein Grund für das Fehlen einer sorgfältigeren Überarbeitung seitens des Autors sein, der 1954 starb.
Wir erfahren von einer Reise Cyriakus von Pizzicollis, die ihn zunächst in das Reich der Tarocke führt, das er durch einen Schrank betritt – eine Zugangsart, die C. S. Lewis 1950 auch für den Weg ins Land der Narnia wählte –, und von dort weiter zu der durch Aphrodites Geburt bekannt gewordenen Insel Cythera, ein Ziel, das er mit mehreren Figuren teilt. Einen Hintergrund für das vornehmlich austriakische Gedränge Richtung Hellas liefert der Diplomat Streyeshand von Hasenpfodt, als dieser Cyriak im Vertrauen sagt: "Nur Österreich kann es – nur bei uns ist der letzte Hort des magischen Erbes Griechenlands, seit Byzanz, unser rechter Flügel, von unseren Feinden vernichtet wurde."
Den griechischen Mittelmeerraum hatte bereits der sich für die Überbleibseln der Antike interessierende Namensvetter Cyriacus von Ancona in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts als Ziel und je weiter die Hauptfigur dieses Romans reist, desto mehr vermischen sich die Zeitalter, aus denen sich intertextuelle Bezüge speisen, bis hin zu diversen Mythen. Eine der Anregungen zu diesem Werk dürfte der Roman Die andere Seite des befreundeten Alfred Kubin gewesen sein, worin die Hauptfigur ebenfalls in ein auf alt zurechtgemachtes Traumreich reist, wenngleich dort das Antiquierte schon bald bedrückend wirkt.
Bei Herzmanovsky trägt das Alte heitere Züge. Seine Figuren gehen zeitlich retour oder verharren, wo sie sind, darin bestärkt durch Profession und Steckenpferd. Rat Xaver Naskrükl ist Sammler von Raritäten wie Ignatius von Loyolas Bart, mit dem zuvor ein "altes Weiberl" die Lampen putzte, und Philipp Edler von Hahn ist nicht nur Sammler von Fehlwäsche, sondern handelt zudem mit Mehlwürmern und Teufelszwirn, denn:
"Hierzulande ist das reinste Paradies, da wächst alles von selber, ohne Düngung. Vor Iebermut wüßten ja die Landeskinder nicht, was sie tun sollen und kämen auf die unnützesten Dinge – Unzucht, Revolution, Verbrechen! No – da gibt ihnen die vorsorgliche Regierung ein bisserl Unkraut unter die Sämereien, die Leutln haben was zu tun – kleine Sorgen – und werden so vom größeren Unglück abgehalten."
Statt einer Entwicklung der Figuren erleben wir allenfalls Verwandlungen und Rollenwechsel auf jener Reise, so wie die von Cyparis vom trommelnden Knaben zur Barmaid und Anführerin einer Standarte eines Amazonenkadettencorps, einer "Figurantin der Commedia del marte", später zur Fürstin von Ikaria und schließlich zur Gefährtin von Artemis. Charakterisiert werden Figuren meist über ihre Redeweisen – wie etwa bei einem sich besonders umständlich ausdrückenden Sittenschnüffler –, durch ihr äußeres Erscheinungsbild und anhand der Tätigkeiten, denen sie sich widmen. Obwohl diese häufig höchst skurril sind, lassen sie – den jeweiligen Typus überspitzende – Eigentümlichkeiten erkennen, und das dialektale Idiom einiger Personen hat mehr Unterhaltungswert, als dass es schwer zu lesen wäre.
Den Roman durchzieht ein satirischer Ton, aber selbst dort, wo dieser fehlt, ist nicht immer sicher, ob sich hinter ernsten Worten oder schlichter Komik nicht anderes versteckt. Sowohl der Gestus des Erzählers als auch die seinem "Helden" begegnenden Personen haben etwas Spielerisches. Die Figuren werden weder vorgeführt, noch würden diese selbst ihr Handeln als grotesk bezeichnen. Bereits zu Beginn jener Reise sagt ein Dr. Nockhenbrenner:
"Ich sehe Ihnen an, mein Herr, dass Ihnen manches wunderlich vorgekommen ist, was sie in den letzten Stunden erlebt haben. Und doch geht's hier nicht um ein Grad wunderlicher zu als in irgendeinem andren Land. Die Vorgänge sind bloß kristallhafter herausgearbeitet, der neu angekommene Fremde distanzierter dazu gestellt, und die kleine Differentialkluft sozusagen lässt Ihnen alles in größerer Plastik erscheinen. Das ist wie beim Theater, das ja im Grunde geordnetere Wirklichkeit ist! Der Süden ist grotesk durch seine Unordnung, der Norden durch seine Ordnung. Wir Glücklichen halten die Mitte zwischen Narrenkappe und Pickelhaube!"
Uns von dem, was wir gewohnt sind, zu distanzieren, es uns auf neue, auf ästhetische Weise erfahrbar zu machen, ist – wie Ortega y Gasset 1925 schrieb – ein Merkmal von Kunst. Eben daraus resultiert ein Stil. Wenn beispielsweise das diktatorische Agieren des in der Hierarchie oberhalb der Könige stehenden Sküs "herausgearbeitet" wird, erhält das Absurde eine seinem Amt angemessene Dimension, wie dort, wo ein mittelalterlicher Herr über den Sküs berichtet, dass er das Meer zuschütten und die Häfen ins Hochgebirge verlegen lassen werde. Dass sich in dieser Szene darüber hinaus ein vager Bezug auf Afred Jarrys Dr. Faustoll und dessen Schiffsreise auf dem Lande erspähen lässt, sei nur am Rande erwähnt.
Die im Roman bevorzugten rhetorischen Figuren sind Übertreibungen und Oxymora, die das Bizarre von Begebenheiten, die Marotten von Exzentrikern oder ein Missgeschick zum Ausdruck bringen. Praktische Verwendbarkeit ist selten ein Kriterium, wie bei jenen Galoschen, deren Weite statt von einer Fußgröße vom Rang des betreffenden Prinzen abhängt, oder bei vier Rauchfängen, von denen zwei echt sind, während die anderen einer Kegelbahn beziehungsweise einem Blumenkiosk und einer Bedürfnisanstalt als Standort dienen. Erzählt wird in einer bildhaften Sprache, mal magisch-surreal, mal pittoresk-romantisch und mal rhetorisch ausgekocht barock, immer wieder finden sich manieristische Züge und auch der Gotik wird mitunter nachgetrauert, doch Cyriaks Ziel ist wie gesagt das alte Griechenland.
Die Struktur der Handlung ist keine sehr solide, da eine Überfülle von Geschichten oft nur dürftig durch den Werdegang der Hauptfigur zusammengehalten wird. Dies ist kein Bauwerk des Barock, das auf einem streng geometrischen Grundriss fußt. Überdies sind im Roman Kommentare und Erklärungen eingestreut, die vom Handlungsstrang ablenken und die sprachliche Leistung des Erzählers mindern. Gleichberechtigt neben anderen sind im Roman esoterische Elemente enthalten. Ausdrücklich thematisiert werden diese am Anfang durch einen entsprechenden Hinweis des Erzählers zum Tarockspiel, im mittleren Teil durch die Fürstin von Ikaria sowie gegen Ende durch einen schwarz maskierten Herrn und einen Mönch mit weißer Kutte. Ebenfalls in diese Richtung deuten, dass das Reich der Tarocke auch das Spiegelreich des linken Weges genannt wird und Die Spiegelwelt des linken Weges noch Anfang 1929 der von Herzmanovsky geplante Romantitel war. Eine diesbezügliche Auslegung des gesamten Romans wird dem Leser jedoch nicht aufgedrängt.
Zu diesem Roman existiert eine von Torberg bearbeitete und stark gekürzte Fassung, die sich flüssiger lesen lässt, aber eine Unmenge fragwürdiger Namens- und anderer Änderungen aufweist. Wenn, um nur ein einfaches Beispiel zu nennen, der Mehlwurmhändler Hahn mit Bezug auf China "unser größter Produzent" sagt, kann man davon ausgehen, dass es auch so gemeint war. Bei Torberg wurde "unser größter Konkurrent" daraus. Wer ein Buch Herzmanovskys kennenlernen möchte, greife daher zum Original. Wegen seines Einfallsreichtums, seines Humors und seiner Sprache ist dieser Roman denen zu empfehlen, die Literatur für eine Kunstform halten und die erwähnten Mängel tolerieren.
Wenn wir die Übertreibungskunst nicht hätten
Von Darius Amberger, 6. März 2018
Der Autor gehört zu den meistrezipierten der letzten Jahrzehnte und eine unbefangene Lektüre scheint hier kaum möglich zu sein. Bereits vor dem ersten Aufschlagen ist da das Gefühl, das Buch zu kennen, und auch der Tonfall des Erzählers – der in diesem Fall nicht nur als ein die Auslöschung schreibend festhaltender, sondern zugleich ein an der Auslöschung beteiligter agiert – ist ein von anderen Spätwerken Bernhards vertrauter. Allein die Atempausen zwischen seinen Sätzen sind noch kürzer geworden. Erzähler ist Franz-Josef Murau, dessen innerer Monolog im Rahmen einer in der Vergangenheitsform verfassten Niederschrift stattfindet, die in einen zusätzlichen, im Präsens artikulierten Rahmen eingebettet ist, in dem ein weiterer Erzähler wörtlich das von Murau Geschriebene wiedergibt. Wie schon bei seinen früheren erzählerischen Werken verzichtet Bernhard auf den Terminus Roman, als ginge es ihm darum, das Stigma der Fiktionalität zu meiden.
In der ersten Hälfte der Auslöschung befindet sich Murau in seinem römischen Arbeitszimmer, vor sich ein Telegramm, das über den Unfalltod der Eltern und des Bruders informiert, und ein paar Fotos der Familie, während er sich an die gemeinsam in Wolfsegg verbrachten Jahre und an damit verbundene Gespräche mit seinem Schüler Gambetti und seiner Freundin Maria in Rom erinnert. In der zweiten Hälfte beschreibt er seine Ankunft in Wolfsegg und die Ereignisse unmittelbar vor, während und nach der Beerdigung.
Wie in Der Untergeher und anders als in Alte Meister und Holzfällen sind im ersten Teil der Auslöschung die wichtigsten jener Personen, denen die Reflexionen des Erzählers gelten, abwesend. Seine Erinnerungen kreisen zwar in ähnlicher Weise wie bei den Erzählern der anderen Werke Bernhards in dessen später Phase, doch wirkt dies hier ermüdender, was dem Umfang jener Reflexionen geschuldet sein dürfte. Im Bau seiner Sätze aber zeigt der Autor die gewohnte Stilsicherheit und der zweite Teil der Auslöschung weist zudem weniger Längen als der erste auf, da die Gedankengänge aktuellere Bezüge haben und der innere Monolog Muraus von einer sich gemächlich entwickelnden Handlung begleitet wird.
Neben der Behandlung altbekannter Themen wie Tod, Krankheit, Religion, Politik und Selbstbetrachtung, urteilt auch dieser Bernhardsche Erzähler über diverse literarische Größen – was in Alte Meister die Rolle Stifters war, ist nun die von Thomas Mann und Goethe – und er äußert sich zur eigenen Ausdrucksart: "Wenn wir unsere Übertreibungskunst nicht hätten, hatte ich zu Gambetti gesagt, wären wir zu einem entsetzlich langweiligen Leben verurteilt, zu einer gar nicht mehr existierenswerten Existenz. [...] Um etwas begreiflich zu machen, müssen wir übertreiben, hatte ich zu ihm gesagt, nur die Übertreibung macht anschaulich."
Und weiter gegen Ende: "Der Maler, der nicht übertreibt, ist ein schlechter Maler, der Musiker, der nicht übertreibt, ein schlechter Musiker, sagte ich zu Gambetti, wie der Schriftsteller, der nicht übertreibt ein schlechter Schriftsteller ist".
Übertreibung und Wiederholung sind jene Stilmittel, die in ihrer exzessiven Verwendung als für Bernhard typisch gelten, und wie nicht anders zu erwarten, prägen sie auch dieses Werk. In den meisten Sätzen ist zumindest eines davon zu finden. Die Wiederholungen beginnen häufig innerhalb eines Satzes, werden von nachfolgenden Sätzen aufgegriffen, gesteigert und auf andere Weise variiert. Mitunter taucht das Thema einige Seiten später abermals auf. In nicht wenigen Fällen wird einer Aussage im Anschluss eine konträre entgegengesetzt, zum Beispiel in Bezug auf Spadolini, oder der Erzähler wechselt von Invektiven gegenüber anderen zu nicht minder rigoroser und in ähnlichen Worten artikulierter Selbstkritik. Bemerkenswert ist, dass dank solch kunstvoller Wiederholungen sogar die misanthropischsten Reflexionen Muraus als harmonische Variationen wahrnehmbar sind und somit als ein Wohlklang, der an anderem geschulte Rezipienten langweilen könnte.
Auch scheinbar Widersprüchliches weiß er zu verpacken: "Maria, deren einzige Waffe schließlich immer das Zurückweichen gewesen ist." Doch fasst er es selten derart knapp in Worte wie in diesem Fall. Andere Stilmittel treten nur sporadisch auf, etwa wenn es in einer Mischung aus Synekdoche und Übertreibung heißt: "Und ich glaube sogar, nicht Churchill hat diese Memoiren geschrieben, sondern seine argwöhnisch vorgezogene Unterlippe, nicht Einstein hat diese weltbewegenden Sätze gesagt, sondern seine herausgestreckte Zunge." Oder wenn es zur metonymischen Personifikation von Fotografien kommt: "Jetzt hat das eine der zwei spöttischen Gesichter geheiratet".
Selbst die – trotz Benns Verdikt – von vielen Autoren übermäßig eingesetzten Wie-Vergleiche sind bei Bernhard spärlich gesät.
Ein wiederkehrender Gegenstand von Muraus Erinnerungen sind die Verstrickungen seiner Eltern mit dem Nationalsozialismus. In vielerlei Hinsicht stilisiert sich der Erzähler als Opfer des eigenen Milieus. Franz-Josef Murau ist eine Identifikationsfigur, die es dem Leser einfach macht, zu einfach. Wie anders würde ein Erzähler wirken, der sich weniger als der moralisch Überlegene präsentiert? Murau rechtfertigt sich mit den Worten: "Hätten wir den Hochmut nicht, wären wir verloren, er ist auch nichts anderes als ein Machtmittel gegen eine Welt, die uns sonst und also ohne diesen Hochmut mit Haut und Haaren verschlingen würde."
Ähnliches formuliert er gegen Ende seines Werkes zu einem Schlüsselsatz: "Das beobachtete ich immer wieder an mir, dass ich dann, wenn diese erbarmungslose Stimmung von mir gänzlich Besitz ergriffen hat mehr oder weniger, einfach nacheinander alle möglichen Leute hernehme, um sie zu zerlegen und in meinem Kopf niederzumachen, alles in ihnen zu zertrümmern, um mich zu retten, und von ihnen mehr oder weniger nicht das geringste Positive übrig zu lassen, um schließlich wieder aufatmen zu können."
Auslöschung gilt als Bernhards bedeutendster Roman. Davon abweichend glaube ich, dass Alte Meister und Der Untergeher ein höheres Maß an Meisterschaft erkennen lassen.
Eine Tochter, eine Mutter und die Norm
Von Darius Amberger, 28. Februar 2018
"Erika, die Heideblume." Letztere steht traditionell für Heimat und Romantik, aber auch für Einsamkeit. Sie wächst auf Flächen, die einst als Schlachtfeld taugten, und soll gefärbt sein vom Blut der Kämpfer. Elfriede Jelinek bezeichnete Erika einmal als eine Figur, die sie selbst zum Teil gewesen sei, und das von ihr handelnde Buch, worin es primär um die Beziehung zwischen Mutter und Tochter geht, als unverblümt autobiographisch. "Sehr autoritär und wahnsinnig lustfeindlich" nannte sie ihre Mutter in einem Gespräch mit Georg Biron ein Jahr nach Erscheinen dieses Romans, in dem die Mutter bereits auf der ersten Seite als "Inquisitor und Erschießungskommando in einer Person" auftritt.
Nach "längst begrabener Pianistinnenkarriere" unterrichtet die 36-jährige Erika Kohut am Konservatorium und teilt Wohnung und Ehebett mit ihrer Mutter, die das Leben der Tochter strengstens kontrolliert. Nächtliche Ausflüge in Peep-Shows und den Prater – wo sie ihrem Voyeurismus frönt – sind ihre einzige Abwechslung, bis es zu einer Annäherung seitens eines Schülers namens Walter Klemmer kommt, auf die sie auf eine höchst spezielle Art eingehen wird. Erika wird als sadomasochistisch, genussunfähig und mit einem Hang zu selbstschädigendem Verhalten dargestellt.
Seit der Kindheit benutzt die Mutter sie für die Befriedigung eigener Bedürfnisse, und die Beziehungen beider sind entweder oberflächliche oder klammernd-abhängige. Erika wird wiederholt als eine Frau beschrieben, die am liebsten wieder in ihre Mutter hineinkriechen wolle, womit ein spätestens seit Supervielles Lämmchen bekanntes Bild aufgegriffen wird. Auf eine psychopathologische Komponente der Mutter-Kind-Dyade weist zudem der Name Kohut hin und überhaupt wird das Gesunde von Erika als Bürde wahrgenommen und als "Verklärung dessen, was ist", getreu dem Nietzscheschen "Denn gesund ist, wer vergaß."
Wie das Verhältnis zur Mutter ist auch das zu Klemmer von einer Hass-Liebe geprägt, die Jelinek originell in Worte fasst: "Die Tochter weiß noch nicht, ob sie einen Mord begehen wird oder sich dem Mann lieber küssend zu Füßen werfen."
Dabei ist Walter Klemmer nicht einfach nur ein Mann. "Klemmer ist die Norm" – ein Vertreter jener Norm, an der sich Erika seit jeher abarbeitet, und da sie daran ständig scheitert, fließt hin und wieder Blut. Ihr eigenes.
Ungewöhnlich vielfältig sind die verwendeten rhetorischen Figuren wie Übertreibung, Vergleich, Chiasmus, Oxymoron, Anapher, Figura etymologica, Metonymie, Anthropomorphismus, Allegorie und Entkörperlichung, etwa wenn Erika als Kind "über die Tonleiter in höhere Sphären aufgestiegen und der Körper als tote Hülle untengeblieben ist". Neologismen ("Giftmütter") sind ebenso zu finden wie prägnante Metaphern ("Saugnäpfe", "das geschmacklose Drops von Klemmers Liebesfortsatz").
Musikalität zeigt sich nicht nur im Spiel mit der Sprache, sondern auch in einer Vorliebe für Krebsstrukturen wie diese: "Nicht jeder Ton klingt so lange, wie er notiert ist, und nicht jeder ist so lang notiert, wie er klingen muss."
Eine ebenfalls aus dem Musikbereich bekannte Umkehrung ist in diesem Satz enthalten: "Jeder von beiden denkt, er verstehe es besser als der andere, der eine wegen seiner Jugend, die andere wegen ihrer Reife."
Krebs und Umkehrung können bei Jelinek sowohl den Satzbau als auch – wie im folgenden Beispiel – die Handlungsrichtung betreffen: "Erika entzieht sich allem und jedem, jedoch: wenn sich ihr jemand flink entzieht, dann folgt sie ihm sofort als ihrem Heiland nach, auf dem Fuße, wie von einem riesigen Magneten angezogen."
Die Dialoge – mal in indirekter, mal in erlebter Rede – ähneln in ihrer Wiedergabe einer Arie zweier Solisten und werden, als Erika und Klemmer auf den Konzertbetrieb zu sprechen kommen, tatsächlich als Duett bezeichnet.
Wenn – wie in dem bereits zitierten Beispiel mit "Jugend" und "Reife" – etwas begründet wird, was in diesem Werk nicht selten geschieht, dann sind diese Gründe meist personen- und somit rollenbezogen oder scheinbar gegenteiliger Natur, wie dort, wo Klemmer "gehen soll, weil er bleiben muss". Rollenspezifisches und damit verbundene diametrale Gegensätze werden in den Mittelpunkt gerückt und offensichtlich geht es Jelinek um wesentlich mehr als um die Aufarbeitung der eigenen Entwicklungsjahre, wobei bemerkenswert ist: Nachahmenswerte Rollenmodelle gibt es keine in diesem Roman.
Trotz der als Mangel empfundenen immer wieder mitschwingenden Wertung des Geschehens durch die Erzählinstanz ist die Lektüre unbedingt empfehlenswert. Der aus der Mutter-Tochter-Beziehung resultierende Erzählstoff ist allein schon fesselnd genug und die Affäre mit Klemmer sorgt für konventionelle Spannungsmomente. Hinzu kommt ein stilistischer Reichtum, der Teil einer unverwechselbaren und unangestrengten Sprache ist. Ein in der Lektüre von Literatur im engeren Sinn des Wortes geübter Leser wird daran seine Freude haben.